Mari, der ist für Dich
Ein Oberteil sitzt in der Regel besser, wenn man es mit Schulterschrägungen arbeitet. Schließlich sind unsere Schultern in der Regel zum Arm hin leicht abfallend - es sei denn, wir benutzen Schulterpolster 
Strick ist zwar elastisch und passt sich bis zu einem gewissen Grad der Körperform an, trotzdem sorgen Schulterschrägungen für ein bessere Passform, insbesondere bei Schnitten mit Armkugeln:

Zieht man von der Gesamtschulterbreite (A) die gewünschte Halsausschnittbreite (B) ab und teilt das Ergebnis durch 2, erhält man die Breite einer Schulter (C).
Und bevor ein Geometrie-Schlaumeier jetzt protestiert
Ich weiß daß die Diagonale länger ist als die Horizontale - aber die Schulterschrägung ist in der Zeichnung überzogen dargestellt, in der Praxis macht das keinen nennenswerten Unterschied.
Eine Schrägung erzielt man, indem man die Reihen nach und nach kürzer werden lässt - entweder durch abketten oder durch verkürzte Reihen:

Die Anzahl der Maschen, die man für eine Schulter hat, ist natürlich abhängig von der Maschenprobe.
Die Tiefe der “Stufen” (in o.g. Beispiel 6 Maschen) bestimmt, wie steil die Schulterschrägung wird - je kürzer die Stufen, desto steiler die Treppe bzw. Schulter.
Die Anzahl der Schultermaschen geteilt durch die Maschenzahl für eine Stufe ergibt die Anzahl der Stufen.
Im Umkehrschluß: Die Anzahl der Schultermaschen geteilt durch die Anzahl der Stufen ergibt die Maschenzahl für eine Stufe. Ich mache in der Regel 3, maximal 4 Stufen, das ergibt eine ausreichende, nicht zu steile Schrägung. Bei sehr dickem Garn würde ich sogar nur 2 Stufen nehmen.
Beispiel: Ich habe 24 Maschen pro Schulter und möchte 3 Stufen haben. Dann nehme ich pro Stufe 8 Maschen.
Alle Stufen sollten gleich tief sein - geht es beim Teilen nicht auf, darf man aber auch mal eine M mehr oder weniger nehmen, das macht keinen wesentlichen Unterschied.
Beispiel: Ich habe 30 Schultermaschen und möchte 4 Stufen haben. Dann mache ich 2 Stufen mit 8 Maschen und zwei Stufen mit 7 Maschen (die tieferen Stufen mache ich zuerst, aber das ist nicht zwingend notwendig).
Faustregel: Je mehr Reihen man auf 10 cm hat und je mehr Schultermaschen zur Verfügung stehen, desto mehr Stufen sind möglich, ohne daß die Schulterschrägung zu steil wird.
Aber wie stricke ich denn nun die Stufen?
Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Stufen durch abketten
Hierfür werden immer am Reihenanfang, also in jeder 2. Reihe, die Anzahl der Maschen für eine Stufe abgekettet.
In der Anleitung steht dann so etwas wie: Beim Rückenteil für die Schulterschrägung beidseitig 2 x je 8 M und 2 x je 7 M abketten.
Das bedeutet:
Reihe 1 - 4: Am Reihenanfang 8 M abketten, Reihe zu Ende stricken.
Reihe 5 - 8: Am Reihenanfang 8 M abketten, Reihe zu Ende stricken.
(die eine Reihe Versatz in der Höhe macht übrigens gar nichts - das gleich sich auch aus, weil das Vorderteil dann genau umgekehrt ist: Beim Rückenteil fängt die linke Schulter eine Reihe später an, beim Vorderteil ist es die rechte Schulter, die eine Reihe später begonnen wird)
Hat man keinen Halsausschnitt, werden in der nächsten Reihe die verbleibenden M abgekettet.
Strickt man gleichzeitig einen Halsausschnitt, wird die Schulterschrägung wird für jede Seite getrennt gearbeitet und danach sollten alle M abgekettet sein.
Damit die Schulterschrägung einen stufenlosen Rand erhält, gibt es einen kleinen Trick (der funktioniert übrigens für alle Rundungen z.B. auch bei Armkugeln):

Die übergezogene M zählt dann als erste abgekettete M.
Statt dieser Methode kann man auch die letzten beiden M der Vorreihe zusammenstricken und kettet dann jeweils 1 M weniger ab.
2. Stufen durch verkürzte Reihen
Die -wie ich finde- elegantere Methode zum Stricken einer Schulterschrägung ist das Arbeiten mit verkürzten Reihen. Gleichzeitig hat diese Methode den Vorteil, daß man die Schultermaschen zum Schluß zusammenstricken kann - das erspart Näharbeit und sieht zudem sehr ordentlich aus.
Bleiben wir beim vorgenannten Beispiel: Beim Rückenteil für die Schulterschrägung beidseitig 2 x je 8 M und 2 x je 7 M abketten.
Anstatt nun abzuketten, arbeite ich so:
Reihe 0 (ich fange eine Reihe eher an, nämlich mit einer Rückreihe): Stricken, bis noch 8 M auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden (ich arbeite am liebsten mit Wickelmaschen, jede andere Methode zur Löchervermeidung beim wenden geht aber auch)
Reihe 1 (Hinreihe): Stricken, bis noch 8 M auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden
Reihe 2 + 3: Stricken, bis noch 16 M (8 + 8 ) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden
Reihe 4 + 5: Stricken, bis noch 23 M (8 + 8 + 7) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden
Reihe 6 + 7: Stricken, bis noch 30 M (8 + 8 + 7 + 7) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden
Reihe 9 + 10: Reihe wieder ganz durchstricken, dabei die Wicklungen mit den umwickelten M zusammenstricken (oder den Umschlag oder die Doppelmasche abstricken, je nach gewählter Methode)
Habt Ihr einen Halsausschnitt und arbeitet beide Seiten getrennt, gelten die geraden Reihenzahlen für die eine Schulter und die ungeraden Reihenzahlen für die andere Schulter.
Nun habt Ihr eine schöne Schrägung, aber die Masche sind trotzdem noch alle auf der Nadel. Die legt Ihr still und strickt später die Schultermaschen von Rücken- und Vorderteil per 3-needle-bind-off zusammen.
Und so sieht das dann fertig aus - hier etwas steiler, da kürzere Stufen:


Hier nur ganz flach, da sind die Stufen länger (und die Reihen weniger hoch, das ist mit dünnerem Garn und Nadeln gestrickt):

