Wenn der Übersetzer eines Strickromans wie Die Maschen des Schicksals
Übersetzungsfehler macht, weil er keine Ahnung vom Stricken hat, finde ich das verzeihlich und es entlockt mir nur ein amüsiertes Schmunzeln.
Kostprobe gefällig?
“Willst Du den Kursteilnehmern das Socken stricken auf zwei Rundstricknadeln oder mit der Doppelnadelmethode beibringen?” (gemeint ist natürlich “with double pointed needles”, also einem Nadelspiel) oder “Der Schal ist sehr leicht zu arbeiten. Du schlägst einfach Maschen an und strickst jede Reihe” (der Urspungstext war “knit every row”, hier wusste der Übersetzer nicht, das “knit” sowohl stricken im allgemeinen als auch “rechte Maschen stricken” bedeutet - hier wäre also “und strickst in jeder Reihe rechte Maschen” richtig gewesen).
Bei der Übersetzung von Knitwear Design Workshop
jedoch setze ich zwingend voraus, daß sowohl die Übersetzerin als auch die Lektorin Ahnung vom Stricken haben. Hatten sie aber beide offenbar nicht allzu viel - da stecken so viele Stilblüten oder schlichtweg falsche Übersetzungen drin, daß es auf keine Kuhhaut geht

Aber fangen wir erstmal mit den positiven Punkten an.
Erst einmal finde ich es großartig, daß dieses Werk überhaupt auf deutsch übersetzt wurde, denn das Thema “Strickstücke selbst berechnen” wurde ja auf dem deutschen Strickbuchmarkt bisher nur rudimentär im Rahmen einiger weniger Grundlagenwerke behandelt. So ein Buch hat bisher definitiv gefehlt und der Bedarf dafür ist auf jeden Fall vorhanden.
Shirley Paden behandelt das Thema sehr umfassend und ausführlich, da bleiben kaum Wünsche offen. Allerdings darf man keine Angst vor Zahlen haben, denn naturgemäß strotzt das Buch vor Maßen, Zahlen, Formeln und Berechnungen.
Das muss aber auch so sein, Rechnen gehört nun mal zum Stricken dazu, wenn man selbst entwerfen oder auf eine nicht vorhandene Größe umrechnen möchte. Wer davor zurückschreckt, muss sich mit passenden Anleitungen begnügen oder einen Strickrechner benutzen.
Nun aber zu den Kritikpunkten - das wird jetzt leider ein ziemlich langer Text. Betonen möchte ich, daß sich meine Kritik ausschließlich auf die Übersetzungsleistung bezieht. Das englische Original ist ausgezeichnet und fachlich in keiner Weise zu bemängeln (wenn ich auch die eine oder andere Sache etwas anders erklären oder handhaben würde). Und ich würde auch nichts sagen, wenn sich ein paar kleine Fehlerchen eingeschlichen hätten, das ist menschlich und passiert nun mal. Aber bei dieser Übersetzung ist die Fehlerquote zu massiv, um darüber hinwegsehen zu können.
Bei einigen Sachen, die mir sauer aufstossen, werdet Ihr vielleicht sagen “naja, so tragisch ist das jetzt nun aber auch nicht”. Aber in meiner Ausbildung bin ich darauf gedrillt worden, stets den korrekten Begriff zu benutzen und das prägt natürlich. Es heißt nun mal Umsatzsteuer und nicht Mehrwertsteuer und ein Freibetrag ist etwas anderes als eine Freigrenze - auch wenn man aus dem Zusammenhang erschließen kann, was gemeint ist, gab das einen Fehlerpunkt.
Bei dieser Übersetzung gibt es also vom Korinthenkacker schon mal Fehlerpunkte für:
- Rippmuster statt Rippenmuster
- Zählmuster statt Strickschrift. Zählmuster habe ich wohl eher beim sticken ö.ä.
- Kraus-rechts-Randmasche statt Knötchenrand
- kreisförmig arbeiten statt rund (oder in Runden) stricken
- Aufbautechniken statt Konstruktionstechniken (construction techniques)
- “Lochmuster aus Ösen” für lacy eyelet pattern finde ich auch schräg übersetzt - bei Ösen denke ich an Metall-Ösen. Das hätte ich schlicht mit “einfaches Lochmuster” übersetzt.
- die Aussage, daß ein inch 2,5 cm sind - es sind 2,54 cm und das macht bei größeren Längenangaben durchaus einen Unterschied (allerdings wird im Original auch mit der Vereinfachung von 2,5 cm gerechnet)
Überhaupt: Die Sache mit den inches und den Zentimetern. Natürlich werden im US-amerikanischen Original ausschließlich inch(Zoll)-Angaben verwendet. Aber in Deutschland rechnen wir nun mal in Zentimetern. Da hätte ich erwartet, daß die Maßangaben in den Grafiken auch entsprechend umgerechnet werden. Wurden sie aber nicht. Erst ein kleiner Info-Kasten auf Seite 62! (nachdem der Leser bereits mehrere Male durch inch-Angaben verwirrt wurde - nicht jeder weiß, daß ” für inch steht) erklärt, daß man aufgrund der Rundungsungenauigkeiten auf das Umrechnen in Zentimetern verzichtet habe. Das kann man so glauben, ich glaube allerdings eher, daß man den Aufwand vermeiden wollte.
Wer das deutsche Buch besitzt und bemerkt hat, daß ja wenigstens im Text Zentimeter-Angaben sind: Das ist im englischsprachigen Original auch so, das wurde also einfach übernommen und ist kein zusätzlicher Service für die deutschsprachige Leserschaft.
Außerdem hat die Autorin den Dreisatz geschickt vermieden, indem sie immer mit der Maschenzahl auf 1 inch rechnet. Würde man dies jedoch auf Zentimeter übertragen wollen, müsste man mit Maschen pro Zentimeter arbeiten, was aber mindestens zwei Nachkommastellen erfordert, um ausreichende Genauigkeit zu bieten. Hier wäre eine komplette “Zentimeterisierung”
natürlich sehr aufwendig und birgt ein großes Risiko, daß sich Fehler einschleichen. Ich kann daher verstehen, daß man das verlagsseitig vermieden hat, schön ist es aber nicht.
Leichtes Entsetzen dürften bei manchem auch die vielfach vorhandenen “Gestaltungsformeln” hervorrufen. Bei Ravelry habe ich gelesen, daß dies wohl die in den USA gebräuchliche Methode ist, um eine schriftliche Division darzustellen. Für uns allerdings äußerst gewöhnungsbedürftig - ich bin eigentlich recht gut in Mathe, aber es dauerte doch ein wenig, bis ich das kapiert habe (und ich würde es im Leben nicht so seltsam rechnen).
Dafür kann die Übersetzerin natürlich nichts - ich hätte aber zumindest einen Hinweis darauf gegeben, warum die Formel so eigenartig dargestellt ist:

Dumm auch, wenn Druckfehler des Originals in die deutsche Übersetzung übernommen wurden. Da wird z.B. die Garnstärkentabelle des Standard Yarn Weight Systems abgedruckt. Im Original ist “Aran” versehentlich von Kategorie 4 in die Kategorie 2 gerutscht, das wurde ohne Nachzudenken übernommen. Jemandem, der sich mit der Materie auskennt, hätte das aber sofort auffallen müssen, Aran weight Garn ist nun mal nicht dünn, sondern mittelstark.
Auch hier hätte ich als Übersetzerin einen Hinweis darauf gegeben, daß die Garnstärkeneinteilung so bei uns nicht gebräuchlich ist, denn die deutsche Strickerin orientiert sich in der Regel an der Lauflänge eines Garns - das ist nicht wirklich sinnvoll, aber bei uns nun mal üblich.
Sehr süß auch die Übersetzung von “afghan” - damit werden gemeinhin große Decken bezeichnet. Auf deutsch wurde “afghanische Wolle” daraus gemacht
ich glaube, beim nächsten Besuch im Wollgeschäft werde ich mal nach afghanischer Wolle fragen
Auch die Maßtabellen wurden einfach übernommen - von deutschen Konfektionsgrößen keine Spur. Tatsächlich ist es nach meiner Erfahrung so, daß der Umfang in inch ziemlich gut den deutsche Größen entspricht, aber dazu hätte man zumindest einen entsprechenden Hinweis geben müssen.
Abschließend noch zwei Punkte, wo ich den Fehler schlichtweg fatal finde - das konnte nur passieren, weil weder Autorin noch Lektorin diese Techniken jemals gearbeitet haben:
- Der SSP ist falsch erklärt, was dazu führt, daß er in die falsche Richtung geneigt ist
- Der 3-needle-bind-off ist völlig falsch erklärt. Wenn man nach der Übersetzung geht, werden die Maschen nicht zusammengestrickt, sondern einzeln abgestrickt, so daß man nicht 1 M, sondern 2 nach dem zusammenstricken hat (was auch überhaupt nicht der dazugehörigen Zeichnung entspricht). Das führt dazu, daß man zum abketten die doppelte Maschenzahl hat - ergibt eine grandios gewellte Naht (mindestens Windstärke 8
).
Insgesamt erscheint mir die Übersetzung an vielen Stellen eigenartig formuliert - aber vielleicht ist das einfach nur der persönliche Stil der Übersetzerin.
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Fazit: Das Buch ist trotz der übersetzerischen Unzulänglichkeiten toll für alle, die tief in die Materie der Strickstück-Berechnung einsteigen wollen. Wer einfache, schnelle Lösungen erwartet, wird jedoch enttäuscht sein und Mathephobiker werden schreiend davonlaufen
Und man sollte auf jeden Fall schon eine gute Portion Strickerfahrung mitbringen, damit man sich nicht völlig überfordert fühlt.
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