Irgendwann haben alle einmal das Stricken freiwillig oder durch einen Bildungsplan verordnet gelernt.
Erinnert ihr euch noch, wie das war?
Was machte euch die meisten Probleme?
Wann fing es an, euch richtig zu packen?
Vielen Dank an Michaela (und das Wollschaf) für die heutige Frage!
Ich habe Stricken erst 1985 gelernt, da war ich 19. In der Schule gab es bei uns keinen richtigen Handarbeitsunterricht, der beschränke sich auf Topflappen häkeln in der 3. Klasse (fand ich okay, aber nicht fortführenswert) und das Weben und Färben eines kleinen Lappens in der 5. Klasse (da haben wir auch mal Nudeln selbst gemacht, die waren sowas von igitt…).
1985 aber begann ich eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem Textilgroßhandel. Die Ausbildung war zwar nach drei Monaten schon wieder beendet, weil der Juniorchef Probleme mit meiner großen Klappe hatte (danke Herr Wagner, ohne Sie würde ich heute vermutlich nicht als Steuerberaterin in meiner eigenen Kanzlei sitzen
), aber sie hat den Grundstein für meine Strickleidenschaft gelegt. Ich war nämlich zuerst in der Handarbeitsabteilung -Bereich Wolle und Strickzubehör- eingesetzt. Und weil man für uns Frischlinge nicht genug zu tun hatte, mussten wir ständig “Inventur” machen. Das bedeutete einfach nur Pakete mit Wolle zu zählen und war eigentlich nichts weiter als eine Beschäftigungstherapie.
Naja, es kam wie es kommen musste, das Lanatoin zeigte Wirkung und ich verspürte den dringenden Wunsch, aus diesen schönen Garnen etwas zu machen. Also habe ich mich im Personalverkauf mit Wolle und Stricknadeln eingedeckt, mir aus der Bücherei ein Grundlagenbuch geholt und los ging’s. Mit diesem Buch habe ich die ersten Schritte gelernt:
So, nun bin ich ja aber Linkshänder (schreibe allerdings mit rechts, da sanft umerzogen). Und in dem Buch war auch ein Kapitel “stricken für Linkshänder”. Ich habe also zuerst überlegt, ob ich so stricken lerne, fand das dann aber unklug, weil ich dachte, dann könne mir ja niemand mit meinem Strickzeug helfen, wenn ich alles spiegelverkehrt mache. Also habe ich die Rechtshändermethode gewählt.
Das war nicht schwer zu verstehen, aber schwierig umzusetzen, weil der blöde Faden immer weggeflutscht ist, wenn ich ihn mit der rechten Nadel durch die Masche holen wollte. Also habe ich ihn irgendwann einfach gepackt, festgehalten und um die rechte Nadel gelegt. Hey, das ging ja viel einfacher als dieses Getüdel über dem linken Zeigefinger! Und so bin ich bis heute bei meiner “Schmeissmethode” geblieben. Wer mal gucken möchte, wie das aussieht, findet hier zwei Filmchen.
Nach einem Nachmittag war die Sache geritzt, ich konnte anschlagen, rechte und linke Maschen stricken und habe daher gleich einen Pullover angeschlagen. Ohne Anleitung, denn ich wollte ja unbedingt dieses tolle hellblaue geflammte Baumwollgarn verstricken und dafür hatte ich keine Anleitung. Also habe ich einfach so viele Maschen angeschlagen bis es mir breit genug erschien und losgestrickt. Erst ein Bündchen, dann weiter in glatt rechts, bis das Teil augenscheinlich lang genug war, abgekettet, Rückenteil fertig.
Tja, nun wusste ich bloß beim Vorderteil gar nicht mehr, wie viele Maschen ich für den Rücken genommen hatte und fand das auch nicht wirklich wichtig. Ich brauchte doch bloß so viele Maschen anzuschlagen, daß es genauso breit wird, oder? Tja, wurde es natürlich nicht, denn daß Anschlagbreite nicht gleich Strickstückbreite ist, habe ich erst dadurch gelernt. Irgendwie passte der Pullover zum Schluß aber trotzdem (damals war ja zum Glück alles überdimensioniert und es kam auf ein paar cm mehr oder weniger nicht so an) und ich habe ihn noch recht lange mit Stolz getragen.
Die Strickleidenschaft hatte mich schon damals gepackt und ich habe in jeder Mittagspause gestrickt. Geringschätzig belächelt von den älteren Kolleginnen, die selbst alle stricken konnten und mir immer erzählt haben, daß ich vieeeeel zu fest stricke. Ja, es war fest, noch fester als heute. Und es war dadurch etwas mühsam. Aber es ist auch keine der Trullas (bis auf eine konnte ich die alle nicht leiden, für mich waren das alles zickige alte Schachteln) mal gekommen und hat mir Tips gegeben, was ich vielleicht besser machen könnte (vielleicht lag’s aber auch an mir, ich hab’ mir damals ungern was sagen lassen…
).
Die nächsten Pullover habe ich dann nach Anleitungen gestrickt, bevorzugt aus der Nicole, die ich abonniert hatte. Wenn ich nicht wusste, wie eine bestimmte Sache ging, habe ich in meinem schlauen Buch nachgeschlagen, die Technik-Tips in der Nicole gelesen oder notfalls improvisiert. Richtige Probleme gab es eigentlich nie, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.
Da ich mir die Originalgarne selten leisten konnte oder sie nicht bei uns vor Ort erhältlich waren, habe ich schon früh gelernt, Garne zu ersetzen. Dabei hat mir anfangs die Beratung im Wollgeschäft sehr geholfen. Damals konnte man sich auch noch auf die Nadelstärken auf der Banderole verlassen, heute werden ja fast immer viel zu dicke Nadeln emfohlen (selbst als Brettstricker nehme ich noch kleinere Nadeln als angegeben).
In der Regel habe ich geguckt, welche Nadelstärke in der Anleitung genommen wurde und dann ein Garn ausgesucht, das für die gleiche Nadelstärke gedacht war. Mein Gestrick war dann zwar immer noch fester als in der Anleitung angegeben, aber ich habe einfach eine größere Größe gestrickt, um die gewünschte Größe zu erhalten.
Daß das Material ebenfalls Auswirkungen auf den Sitz und das Aussehen des Strickstücks hat, habe ich damals allerdings noch nicht bedacht. Ich habe in den ersten Jahren häufig mit Baumwolle gestrickt, weil die nicht so teuer war. Diese Baumwollvorliebe habe ich erst vor ca. 10 Jahren langsam aufgegeben. Diesen Pullover habe ich tatsächlich mit einer Baumwoll/Acryl-Mischung (und flach) gestrickt, völig irre!

Ziemlich schnell habe ich auch Jaquard und Intarsien gestrickt. Damals hat uns ja keiner gesagt, daß sowas nicht so ganz einfach ist, also haben wir einfach gemacht. “Das traue ich mir noch nicht zu” gab es in meiner Strickwelt nicht. Ich wollte dieses oder jene Modell haben, also habe ich beim stricken gelernt, wie man das macht. Nur vor aufwendigeren Zopfmustern bin ich lange zurückgeschreckt. Nicht, weil ich es nicht gekonnt hätte, sondern weil mir diese ständige Zopferei samt Strickschrift lesen so wahnsinnig anstrengend erschien. Das hat sich irgendwann gegeben, trotzdem geht mir zuviel Zopferei auch heute noch irgendwann auf den Keks (siehe Cromarty, das hatte schon seinen Grund, daß der zum Ufo wurde).
Das einzige, wo ich mich wirklich viele Jahre nicht rangetraut habe, waren Armkugeln. Durch meine festere MaPro war mir klar, daß die nicht passen würden. Ich wusste aber auch nicht, wie man das passend ausrechnen kann. Bis ich irgendwann unbedingt Martha haben wollte. Die hatte aber Armkugeln *hpf* Meine damalige Freundin hat mir dann so lange gut zugeredet, bis ich es gewagt habe. Und siehe da, sie passten ausgezeichnet in den Armausschnitt!

Da kam mir der Zufall zu Hilfe, denn die Designerin strickte genauso fest wie ich. Meine MaPro stimmte exakt und daher passte auch alles exakt. Und ich hatte ein Aha-Erlebnis: Wenn die MaPro nicht zur Anleitung kommen will, dann muss die Anleitung eben zur MaPro kommen! Und so habe ich fortan einfach die Armkugeln von Anleitungen mit passender MaPro geklaut.
Irgendwann habe ich dann auch das System hinter der Formgebung und den Zusammenhang zwischen Größe des Armausschnitt und Größe der Armkugel kapiert - seitdem sind Armkugeln kein Problem mehr und wenn ich nicht meine bevorzugten Maschenzahlen von Martha oder Salina nehmen kann (die gehen eigentlich immer bei 3er bzw. 3,5er bis 4er Nadeln), stricke ich sie inzwischen nach Gefühl.
So richtig intensiv ist meine Strickleidenschaft dann geworden, als das Internet ins Spiel kam. Das ging damit los, daß ich entdeckte, daß man Wolle bei Ebay sehr günstig bekommt, dann kam die erste Mailingliste, ich lernte über’s Netz viele andere Strickbegeisterte kennen, entdeckte die Welt der englischsprachigen Anleitungen, begann 2006 zu bloggen und seit 2007 bin ich bei Ravelry Mitglied. Heutzutage kann ich mir ein Leben ohne Wolle und Stricknadeln überhaupt nicht mehr vorstellen!



