Und damit meine ich jetzt nicht die Einwohner von Neufünfland
Ich weiß nicht. ob Ihr schon mal darüber nachgedacht und beobachtet habt, was da eigentlich passiert, wenn Ihr eine Masche strickt.
Die nachfolgenden Ausführungen bezieht sich übrigens alle auf das gewöhnliche Rechtshänderstricken, bei dem die Maschen von der linken auf die rechte Nadel abgestrickt werden. Linkshändische Stricker (winke @ Schnummel) machen alles spiegelverkert.
Es gibt drei Faktoren, die bestimmen, wie die gestrickte Masche zum Schluß aussieht:
1. Ob wir eine rechte oder eine linke Masche stricken, bstimmen wir alleine dadurch, ob der Faden hinten (rechte M) oder vorne (linke M) ist.
Eine Ausnahme bildet der sogenannte “norwegian purl“, eine Methode, um linke Maschen zu stricken, ohne den Faden nach vorne zu nehmen. Ich hab’s ausprobiert, mir ist es zu umständlich und man muss den Faden immer nochmal nachziehen, sonst wird die Masche sehr locker.
Nennen wir die Faktoren mal H und V (nee, keine Angst, klingt jetzt nach Mathe, ist es aber nicht
)
2. Auch zum Einstechen in die Masche gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder von links nach rechts oder von rechts nach links. Das ist wie beim Brandenburger Tor, entweder geht man vom Westen in den Osten oder umgekehrt
Ob Ihr da schräg durchgeht oder gerade, ist wurscht. Aber die Richtung in Kombination mit der Lage des Faden (vorne oder hinten) bestimmt, wie die Maschenbeinchen an der Basis der gerade abgestrickten Masche stehen: Parallel oder verkreuzt.
Das nennen wir jetzt mal L (von links einstechen) oder R (von rechts einstechen)
3. Die Art, wie wir den Faden nach dem Einstechen um die rechte Nadel legen, ist der dritte Faktor. Man kann ihn entweder von vorne nach hinten um die Nadel legen (von der rechten Hand aus gesehen also im Uhrzeigersinn) oder von hinten nach vorne (gegen den Uhrzeigersinn). Die Richtung des Wickeln bestimmt, wie die neu gebildete Masche auf der Nadel liegt: Von oben gesehen so \ oder so / .
Diese Faktoren bezeichne ich als O (oben herum, also von vorne nach hinten legen) und U (unten herum, also von hinten nach vorne)
So \ ist das bei uns gebräuchlich:

Und was soll das Ganze jetzt eigentlich? Nun wenn man die einzelnen Faktoren kombiniert, bekommen wir auf einmal acht verschiedene Möglichkeiten, um eine Masche zu stricken:
HLO, HLU, HRO, HRU - ergeben alles rechte Maschen
VLO, VLU, VRO, VRU - ergeben alles linke Maschen
Betrachten wir mal die Möglichkeiten im einzelnen. Zunächst widmen wir uns den rechten Maschen.
HLO: Faden hinten, von vorne links nach hinten rechts einstechen (da gehen wir schräg durch’s Tor, weil es bequemer zu handhaben ist), Faden von vorne nach hinten um die Masche legen - kennen wir alle, das ist der gebräuchlichste Weg, um eine normale rechte Masche zu stricken. Die Maschenbeinchen an der Basis der soeben abgestrickten Masche stehen fein säuberlich nebeneinander.

HRO: kennen auch die meisten, Faden hinten, von hinten rechts nach hinten links einstechen (also gerade durch’s Tor), Faden von vorne nach hinten um die Masche legen - ergibt eine rechts verschränkte Masche. Dabei ist die Basis der soeben abgestrickten Masche verdreht, darum heißt diese Strickweise auch in manchen Regionen “verdreht”.
Verschränkte Maschen sind übrigens immer ein bisschen kleiner/enger als normale, deswegen strickt man z.B. Umschläge verschränkt ab, wenn man kein oder nur ein winziges Loch möchte und ich empfehle Strickern, die Probleme mit zu großen Randmaschen haben,die 2. und vorletzte M jeder Reihe verschränkt zu stricken, dann wird die Randmasche auch fester. Rippen (insbesondere 1/1) aus verschränkten M sind klarer definiert, aber auch etwas weniger dehnbar.

HLU: Faden immer noch hinten, von vorne links nach hinten rechts einstechen, Faden gegen den Uhrzeigersinn um die Nadel legen - die soeben abgestrickte Masche ist eine gewöhnliche rechte M, aber die neue M liegt andersrum auf der Nadel.

HRU: Faden hinten, von rechts nach links einstechen, Faden gegen den Uhrzeigersinn um die Nadel legen - die soeben abgestrickte Masche ist eine rechts verschränkte M und die neue M liegt andersrum auf der Nadel.
Könnt Ihr mir noch folgen?
Nun noch die linken Maschen.
VRO: Faden vorne, vorne von rechts nach links einstechen (gerade durch’s Tor), Faden von vorne nach hinten um die Masche legen - kennt Ihr auch alle, ergibt eine stinknormale linke Masche.

VLO: Faden vorne, von hinten links nach vorne rechts (schräg durch’s Tor) einstechen, Faden von vorne nach hinten um die Masche legen - ergibt eine links verschränkte Masche. Die Basis der soeben abgestrickten Masche ist wieder verdreht. Sichtbar ist das aber nur auf der anderen -rechten- Seite des Gestricks.
VRU: Faden vorne, vorne von rechts nach links einstechen, Faden gegen den Uhrzeigersinn um die Nadel legen - die soeben abgestrickte Masche ist eine gewöhnliche linke M, aber die neue M liegt andersrum auf der Nadel.

VLU: Faden vorne, von hinten rechts nach vorne links einstechen, Faden gegen den Uhrzeigersinn um die Nadel legen - die soeben abgestrickte Masche ist eine links verschränkte M und die neue M liegt andersrum auf der Nadel.

Und was hat das alles jetzt mit dem Osten zu tun?
Während in den westlichen Ländern für glatt rechts üblicherweise in Hinreihen HLO und in Rückreihen VRO gestrickt wird und der Faden immer so auf der Nadel liegt \ , ist in osteuropäischen Ländern (und lt. Donna Druchunas auch in der islamischen Welt) der Faden so auf der Nadel: / und glatt rechts wird durch HRU in Hinreihen und VLU in den Rückreihen produziert. Im Osten wickelt man also andersrum und sticht aufgrund der anderen Lage der Masche auch in die andere Richtung ein. Für mehr Informationen einfach mal “eastern knitting” googeln. Das Ergebnis sieht bei beiden Methoden aber identisch aus!

Einen Umschlag würde man bei der eastern-Methode übrigens folgerichtig von hinten nach vorne machen. Auch links- und rechtsgerichtete Abnahmen müssen entsprechend angepasst werden.
Richtig spannend wird es aber erst, wenn man Ost und West vereint (wie in der realen Welt
). Im englischsprachigen Raum heißt das “combined knitting”.
Dazu strickt man in Hinreihen HRO, also eigentlich wie eine rechts verschränkte M, in den Rückreihen aber VRU, d.h. wie eine normale linke M, aber den Faden andersrum wickeln. Das Ergebnis ist -voilà!- wieder normales glatt rechts! Durch den VRU in der Rückreihe gelangt der Faden so / auf die Nadel, durch den HRO in der Hinreihe wird das wieder aufgehoben.
Hm - wozu soll dann denn dann gut sein? Meine Fachliteratur und Annie Modesitt (die hat auch ein ausführliches Tutorial zum Kombinationsstricken auf ihrer Seite) sagen, daß diese Methode ein extrem gleichmäßiges Gestrick ergeben soll. Ich habe auch das Gefühl, es wird ein bisschen fester. Insbesondere bei Strickern, die linke Maschen lockerer stricken als rechte und daher bei glatt rechts ein leicht streifiges Maschenbild erhalten, soll die Kombinationsmethode Abhilfe schaffen.

Was aber wirklich erstaunlich ist: Wenn man 2/2 oder breitere Rippen strickt, ist ja oft die letzte Masche der Rechtsrippen einen Tick größer als die übrigen rechten Maschen, was nicht ganz so schön aussieht. Das Problem habe ich auch oft, vor allem bei unelastischen Garnen wie z.B. Baumwolle. Arbeitet man solche Rippen aber nach der Kombinationsmethode, gibt es das Problem nicht. Guckt mal - die beiden Rippen links auf dem Bild sind “combined” gearbeitet, die beiden Rippen auf der rechten Seite normal:

Allerdings ist die entgegengesetzte Wickelei sehr gewöhnungsbedürftig, ich muss mich immer dazu zwingen, denn die Finger wollen ganz automatisch andersrum.