Alsd ich noch jünger war, habe ich mich oft darüber amüsiert, wenn ältere Leute davon geschwärmt haben, daß “früher doch alles besser war”.
Heutzutage gehöre ich selbst zu diesen älteren Leuten und ertappe mich manchmal selbst dabei, wie ich sehnsüchtig an die “alten Zeiten” denke. Meine jungen Mädels im Büro erfreue ich dann mit Geschichten aus einer Zeit, als ein Brötchen noch 12 Pfennig kostete, im Fernsehen nur drei Programme liefen (und ab Mitternacht nur noch das Testbild) und Menschen, die auf der Straße alleine vor sich hin redeten, nicht telefonierten, sondern einfach einen an der Waffel hatten
Aber war früher wirklich alles besser? Jetzt mal stricktechnisch gesehen?
Einige von Euch haben ja in ihrem Kommentar zum gestrigen Beitrag von den tollen Anleitungen geschwärmt, die früher in der Brigitte drin waren. Aber waren die wirklich so viel besser als die heutigen? Oder ist der Nimbus vielleicht auch ein bisschen durch sentimentale Jugenderinnerungen verklärt? Leider habe ich keine alten Brigitte-Anleitungen, aber dafür jede Menge anderer Hefte aus den 80ern und was ich da sehe, lässt mich doch zweifeln.
Ich selbst bin seit Mitte der 80er auf der damaligen Strickwelle mitgeschwommen und kann mich noch ganz gut an die damalige Mode erinnern. Was man ganz klar sagen kann: Viele Modelle waren damals deutlich anspruchsvoller. Zumindest was Muster und Stricktechniken betraf. Da hatte kein Mensch Angst vor Jacquardmustern mit 5 Farben in einer Reihe oder vor Intarsien mit 7 verschiedenen Garnen und Modelle mit 13 verschiedenen Strickschriften waren für uns ein Klacks. Es hat uns nämlich niemand gesagt, daß sowas schwer ist, also haben wir es einfach gestrickt. Heutzutage machen sich die Strickerinnen in Foren oft gegenseitig ganz kirre, wenn sie schreiben, wie schwer dieses oder jenes doch sei und daß sie sich da noch nicht rantrauen würden. Alles Unsinn, mit einem guten Grundlagenbuch, einem bisschen Konzentration, Sorgfalt, Geduld und Übung sowie einem eingeschaltetem Gehirn ist beim Stricken gar nichts schwer - man muss sich nur trauen und einfach mal machen.
Was allerdings die Schnitte betraf, fällt der Vergleich zwischen früher und heute ganz anders aus. Nicht umsonst schrecken viele Frauen, die in den 80ern noch einen Pullover nach dem anderen gestrickt haben, vor heutigen Modellen zurück. In den 80ern war die Mode überwiegend sackartig: Ein Rechteck als Vorderteil, eins als Rückenteil, und ein Trapez als Ärmel - das konnte jeder stricken, die Maschenprobe war eher unwichtig und wenn das fertige Stück ein paar cm breiter oder schmaler wurde, war das völlig wurscht, es war eh alles überdimensioniert.
In den 80ern habe ich meine Pullover in der Regel 60 cm breit gemacht - heute stricke ich sie zwischen 48 und 52 cm, obwohl ich inzwischen 20 kg mehr wiege als vor 25 Jahren.
Wobei letzteres natürlich ein weiterer Grund ist, warum viele heute keine Pullover mehr stricken mögen: In jungen Jahren haben viele von uns eine wesentlich kleinere Konfektionsgröße getragen, da konnte man die Größen aus dem Zeitschriften übernehmen. Heute brauchen aber die Menschen oft Größen jenseits der 40/42 und die werden vom deutschen Strickanleitungsmarkt kaum bedient.
Aufwendigere und/oder figurbetontere Schnitte bedeuten auch, daß es im Gegensatz zu früher wirklich wichtig ist, die richtigen Maße zu erreichen, damit das fertige Stück passt. D.h. die Maschenprobe muss -zumindest in der Maschenzahl- exakt stimmen und das Modell muss auch in der richtigen Konfektionsgröße verfügbar sein. Und da geht es los: Eine Maschenprobe -womöglich noch mit verschiedenen Nadelstärken- ist den meisten lästig (mir auch). Umrechnen, weil man eine andere MaPro hat oder will oder weil man eine nicht angegebene Größe braucht, ist noch viel lästiger. Da verzichten dann viele lieber, beschränken sich auf Tücher, Socken & Co. und schwärmen von früher
Und spätestens beim Aussehen der Modelle kann ich der Aussage, daß früher alles besser war, nun wirklich nicht mehr zustimmen. Ich hinke mit meinem Modegeschmack zwar immer ein paar Jahre hinterher, aber die 80er (und erst recht die 70er) habe ich dann doch weit hinter mir gelassen, die meisten Sachen gefallen mir wirklich nicht mehr. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel bin ich froh, daß diese Zeit modemäßig vorbei ist.
Daß die Mode derzeit nun so viel besser ist, kann ich allerdings genauso wenig behaupten. Simplem Grobstrick mit fetten Garnen und Nadeln kann ich rein gar nichts abgewinnen (dem Revival der 80er-Mode natürlich erst recht nicht) - aber die jungen Mädels stehen drauf und seien wir doch mal ehrlich: Die Modelle in der Brigitte sind nicht für anspruchsvolle Hardcore-Stricker wie uns konzipiert, sondern für die breite Masse, deren Strickkenntnisse kaum über Anfängerniveau hinausgeht und die ein oder zweimal im Jahr in der Winterzeit zu den Nadeln greifen. Mona hat das in ihrem Kommentar zum letzten Blogeintrag sehr schön auf den Punkt gebracht.
Was aber heutzutage definitiv viel, viel besser ist als früher: Wir haben eine Auswahl an Garnen, Modellen und Handwerkszeug, die wir uns damals in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Vor allem das Internet macht’s möglich. Ich finde dicke Garne doof? Dann bestelle ich mir halt Shetland-Garn oder Lacegarn aus Peru. Ich finde die Anleitungen in deutschen Publikationen trotz aller Vielfalt allesamt grauslig? Macht ja nichts, englische, skadinavische oder gar japanische Anleitungen sind doch nur ein paar Mausklicks entfernt. Und wer die Mode früherer Jahrzente bevorzugt, bekommt alte Zeitschriften und Bücher aus den letzten 80 Jahren bei Ebay - gerade die 70er und 80er-Publikationen werden einem für’n Appel und’n Ei hinterhergeworfen.
Von daher schwärme ich zwar auch gerne mal von früher und nörgele über die heutigen Modelle, aber strickerisch gesehen könnten wir in gar keiner besseren Zeit leben.
Da ich gerade von einer netten Dame aus der Nachbarschaft einen Riesenstapel Hefte aus den 80ern geschenkt bekommen habe, abschließend mal ein paar exemplarische Modelle aus der Zeit, in der “alles besser war” - wer von Euch würde die heute noch anziehen? Selbst wenn man die Muster auf einen moderneren Schnitt anwenden würde, muss sowas doch nun wirklich nicht mehr sein, oder?

Interessant: Beim Welt der Frau-Strickheft war Ursula Marxer Redakteurin




Natürlich habe ich da ganz bewusst besonders unattraktive Covermodelle rausgesucht
Es gab auch viele Sachen, die mit ein paar Schnittänderungen auch heute noch durchaus tragbar sind. Ich schau’ mal, was ich da für Euch finde und einscannen kann, die meisten Hefte sind von Gruner + Jahr und die sind ja glücklicherweise beim Thema Urheberrecht von alten Strickanleitungen sehr entspannt (das schadet ja nun auch wirklich niemandem mehr, wenn ich die hier kostenlos zur Verfügung stelle).