Monats-Archive: Juli 2013

Englische Schneiderei von oben – Teil 2

Inzwischen bin ich bei meiner Antonia am Bündchen angekommen – die Lord strickt sich wirklich wie von selbst, da braucht man nur die Nadeln festzuhalten und der Rest geht von alleine :grin:

Chico war hocherfreut, daß ich extra für ihn eine schicke weiche Decke hingelegt habe :mrgreen:

Wie jede Katze weiß er sich gekonnt in Szene zu setzen und rot steht ihm wirklich ausgesprochen gut:

Naja, dann muss ich halt um das Tier herum fotografieren :roll:

An den Ärmeln habe ich bis zum Schluß in jeder 2. Reihe zugenommen, am Körperteil nur kurz vor Ende 2 x in jeder 4. R, 2 x in jeder 2. R und 3 x in jeder R beidseitig je 1 M, das reicht völlig, um auf die benötigte Brustweite zu kommen:

Dadurch hat die “Ärmelnaht” fast die gleiche Form wie bei meiner Standard-Armkugel:

Anschließend geht es weiter wie bei einem RVO – Ärmelmaschen stillegen und in der Lücke Achselmaschen neu anschlagen (per Daumenanschlag oder Aufstricken).
Die Achselmaschen bringen zusätzliche Brustweite, vor allem aber sorgen sie für Bewegungsfreiheit der Arme. Hier bin ich wieder von der Anleitung abgewichen, die in allen Größen nur 3,3 cm für dieses Stück vorsieht, was ich etwas knapp bemessen finde – dafür ist dann beim Original der Armausschnitt selbst größer. ich glaube aber, daß es besser sitzt, wenn der Armausschnitt kein langgezogenes und dafür schmales Oval ist, sondern ein niedrigeres, aber dafür dickbauchigeres Oval, das ist der menschlichen Anatomie doch viel ähnlicher.
Ich habe daher 6 cm genommen, denn das entspricht in etwa der Breite meiner Achselhöhle.

Nun kann man fröhlich weiterstricken, bis die gewünschte Länge erreicht ist. Wer mag, baut noch eine Taillierung ein, wozu ich immer raten würde, das sieht meiner Meinung nach in jeder Größe besser aus als ein kastiger Schnitt. Auch hier sollte sich das Strickstück der Anatomie anpassen. Egal, ob das Teil eng anliegend oder weit und locker sitzt – mit Kurven, die der Körperform folgen, sitzt es immer schöner.

Wie das Ganze nun endgültig ausfällt, werden wir sehen, wenn die Ärmel dran sind und die Jacke gewaschen ist. Bei der ersten Anprobe war ich aber angenehm überrascht, das finde ich gar nicht mal so schlecht:

Nadelbruch

Ups – das ist mir auch noch nie passiert: Meine Lieblingsrundstricknadel von Chiagoo hat mitten im Gestrick plötzlich ihr Leben ausgehaucht :sad:

Das Seil ist nicht aus der Nadel gerutscht, sondern tatsächlich abgebrochen:

Zum Glück sind nicht allzuviele Maschen runtergerutscht und die konnte ich auch ganz leicht wieder einfangen, aber wenn einem sowas bei 600 Maschen hauchfeinem Lacegestrick passiert, na, dann viel Spaß…

ChiaoGoo gewährt auf die Nadeln eine lebenslange Garantie, aber da ich die damals in den USA bestellt habe, wäre eine Reklamation ziemlich umständlich.

Aber Ersatz ist schon bestellt und zwar bei Country-Creativ, da stimmt nicht nur der Preis, sondern sie hat auch noch sehr günstige Versandkosten.

Ich war versucht, mir statt fester Rundstricknadeln die auswechselbaren Nadelspitzen zu bestellen, aber ich habe ja schon die von KnitPro und ehrlich gesagt nutze ich diese Tauschgeschichte nur selten, meistens nervt mich die Schrauberei mehr als daß sie mir was nützt.

Da mir aber die ChiaoGoo Red Lace von allen Nadeln, die ich jemals benutzt habe, mit Abstand am besten gefallen, werde ich neue Nadeln in Zukunft nur noch von dieser Marke kaufen (es sei denn, mir laufen irgendwann noch bessere über den Weg…). Dumm bloß, daß ausgerechnet meine Lieblingsnadelstärke 3 mm nicht im Programm ist – warum auch immer…

Englische Schneiderei von oben – Teil 1

Diese englische Schulter hat mich ja nun gereizt.
Also habe ich am Donnerstag Antonia angeschlagen, die nahtlos von oben mit englischer Schulter gearbeitet wird.

Das Garn ist wieder mal meine innig geliebte Lord von Lana Grossa. Da die Jacke ziemlich schlicht ist, wollte ich dafür ein besonders schönes Garn nehmen, das für sich alleine wirkt. Und das warme Rot (Fb. 9) ist einfach traumhaft.
Das ist noch eines der Dinge, die ich am Stricken liebe: Es ist so ein angenehmes Gefühl, wenn man die ganze Zeit auf eine schöne Farbe und ein schönes Garn gucken kann.

Und das Gute ist außerdem, daß ich die Lord schon mehrmals verstrickt habe und weiß, welche Maschenzahlen ich in etwa haben muß, damit die Jacke passt.

Ich stricke mit 4er Nadeln und einer Maschenprobe von 22 M auf 10 cm. Im Original sind es nur 18 M, daher nehme ich einfach die Angaben für die zweitgrößte Größe, das sollte hinhauen.
Bei sowas orientiere ich mich immer an der Maschenzahl für den Brustumfang: Ich gucke, welche Original-Maschenzahl der Brustumfang in meiner Größe hat, teile den durch die Original-MaPro und multipliziere das Ergebnis mit meiner MaPro. Dann schaue ich, in welcher Größe der Brustumfang ungefähr diese Maschenzahl hat und stricke nach dieser Größe.
Sind in der Anleitung allerdings nur Reihen- statt Zentimeterangaben sein, muss man aufpassen, die kann man nicht einfach übernehmen, sondern muss die Reihen in Zentimeter umrechnen.
Und bei Armkugeln muss man ebenfalls vorsichtig sein, da funktioniert das nur bedingt.
Sowieso muss man bei diesem System für Umrechen-Faule immer zwischendurch messen, ob das auch alles so hinhaut und ggf. Anpassungen vornehmen. Aber häufiges Messen finde ich sowieso immer wichtig, damit es zum Schluß keine unliebsamen Überraschungen gibt.

Das Prinzip der nahtlos von oben gestrickten englischen Schulter ist ganz interessant, deswegen habe ich die einzelnen Schritte fotografisch festgehalten. Ich schreibe diesen Blogeintrag während des Strickens mit, so könnt Ihr später auch nachvollziehen, welche Überlegungen ich angestellt habe und wo ich ggf. was abgeändert habe.

Zunächst werden so viele Maschen angeschlagen, wie man für die Breite des rückwärtigen Halsausschnitts benötigt.

Dann werden in jeder Hinreihe an jedem Ende 2 M per kfb (= Masche doppelt abstricken, erst rechts, dann rechts verschränkt) zugenommen, und zwar 2 bzw. 3 M vom Rand entfernt. Also lautet die Hinreihe (incl. Randmaschen): 2 M re,kfb, kfb, rechts stricken, bis noch 5 M übrig sind, kfb, kfb, 3 M re. Die Rückreihe wird komplett links gestrickt.

Ich rate davon ab, abgehobene Randmaschen zu stricken (davon halte ich sowieso grundsätzlich nichts), denn hieraus werden später Maschen aufgenommen und das wird mit einem Nahtrand (Hinreihen rechts, Rückreihen links) viel ordentlicher.

Zugenommen wird so lange, bis die gewünschte Schulterbreite erreicht ist. Das wären bei der Größe, die ich stricke 76 M, das erscheint mir aber etwas schmal, da nehme ich doch lieber die nächste Größe mit 80 M.

Nun werden die Maschen erstmal stillgelegt (Faden abschneiden).

Aus den beiden “seitlichen” Rändern werden anschließend Maschen aufgenommen – pro Reihe eine Masche (da habe ich jetzt natürlich die Maschenzahl der größten Größe, macht aber nichts, das sind nur 2 M Unterschied) und (in meiner Größe) 7,5 cm glatt rechts gestrickt.

Diese “Lappen” liegen nachher oben auf der Schulter, ihre Länge sollte also der Tiefe Eurer Schulter entsprechen. Kneift Euch mal selbst in das äußere Ende Eurer Schulter, da spürt ihr vorne und hinten einen Knochen – der Abstand ist Eure Schultertiefe und gleichzeitig auch die Breite, die Eure Armkugel am oberen Ende in etwa haben sollte (die kann aber ruhig auch etwas schmaler sein).

Jetzt werden aus den äußeren Rändern der beiden “Schulterlappen” Maschen für die Oberkante der Armkugel aufgenommen – so kommt alles wieder auf eine Nadel. Hier habe ich 2 M aus 3 Reihen genommen, damit sich nichts kräuselt und komme auf 15 statt der geforderten 18 M. Das reicht aber meiner Meinung nach auch, die fehlenden M kann ich immer noch zunehmen:

In der folgenden Rückreihe werden die Maschen für die beiden Vorderteile, den Rücken und die Ärmel eingeteilt. Die Maschenmarkierer habe ich nur reingehängt, damit Ihr das besser erkennen könnt, die fliegen gleich wieder raus. Die Dingelchen sind zwar immer ganz hübsch anzuschauen, aber die stören mich immens beim Stricken.
Ich benutze so gut wie nie Maschenmarkierer. Im Normalfall behalte ich auch so den Überblick, weil ich mein Gestrick “lesen” kann, falls notwendig, zähle ich die Maschen einfach. Und wenn ich im Ausnahmefall doch mal was markieren muß, dann nehme ich einfach eine Schlaufe aus Kontrastgarn.

Ab jetzt werden an den Ärmeln zunächst ein paar Mal beidseitig in jeder 4. R, danach bis zum Schluß der Arm”kugel” in jeder 2. R je 1 M zugenommen. Ich habe von Anfang an in jeder 2. Reihe zugenommen, um die 3 M, die ich beim Aufnehmen weniger hatte, auszugleichen, außerdem möchte ich eine relativ flache Armkugel, weil ich dicke Oberarme habe.
Im Endeffekt ergibt sich sowieso keine Kugel, sondern eine Art Trapez:

Nach dem ersten Stück, an dem nur Zunahmen am Ärmel erfolgen, werden nun gleichzeitig auch am Körperteil Maschen zugenommen. Wo bei einem “richtigen” Armkugelschnitt eine Rundung gearbeitet wird, entsteht hier nur eine Schräge, weil einfach in jeder 2. Reihe je 1 M zugenommen wird. Das Prinzip ist der Contiguous-Methode noch ähnlicher, als ich dachte.

Leider stellt die Anleitung das in der Schnittzeichnung gar nicht dar, weil nur die Schemazeichnung der fertigen Jacke bemaßt würde. Die Armausschnitte finde ich auch sehr groß, die haben in Gr. M (also ungefähr 42) schon fast 23 cm Höhe, ich mache die aber normalerweise nur 19 – 21 cm, je nachdem, ob ich eng anliegende oder locker sitzende Ärmel haben möchte.

Wenn man das in Einzelteilen darstellen würde, würde das in etwa so aussehen (das ist der Schnitt zu Breton von Jared Flood, gleiches Prinzip, aber in Einzelteilen von unten gearbeitet):

Zum Vergleich – ein normaler Schnitt mit Armkugeln sieht so aus:

An dieser Stelle (der Ärmel ist jetzt 37 M breit) müsste ich lt. Anleitung nun schon mit den Körperzunahmen anfangen, das kommt mir aber viel zu früh vor, ich kann mir nicht vorstellen, daß das so gut sitzt. Ich werde das also abändern, damit der Schnitt einem normalen Armkugelschnitt ähnlicher wird. Als Anhaltspunkt nehme ich die Daten von Blue Bayou, denn da weiß ich ja, daß das passt. (und hier der Beweis, daß man Brettstrick manchmal tatsächlich hinstellen kann :mrgreen: ):

Ich werde also erstmal mit den Ärmelzunahmen so weitermachen, aber die Körperzunahmen erst auf den letzten 4 cm vor Ende des Armausschnitt arbeiten, genau so, wie ich das auch bei einem Armkugelschnitt von unten stricken würde, bloß auf den Kopf gestellt. Wie und ob das was geworden ist, zeige ich Euch dann in Teil 2.

Die Schwierigkeit, eine echte Armkugel nahtlos von oben in Runden (bzw. in Reihen bei einer Jacke) zusammen mit dem Körperteil zu stricken, sehe ich -egal bei welcher Methode- darin, daß man bei einer richtigen Armkugel im unteren und oberen Bereich sowie am Armausschnitt des Körperteils in jeder Reihe Zunahmen arbeiten muss (oder mehrere M auf einmal zunehmen muss, wenn man stufige Rundungen strickt), was unweigerlich zu Löchern führt und daher bescheiden aussieht.

Meiner Meinung nach funktioniert nahtloses Gestrick deutlich besser, wenn man zunächst das Körperteil mit Armausschnitten von unten oder von oben strickt (obwohl von oben dann eigentlich sinnlos ist) und später rund um den Armausschnitt Maschen aufnimmt, um anschließend die Armkugel mit verkürzten Reihen zu formen.
Außerdem gefällt mir die “Naht” mit dieser Methode deutlich besser und sitzt meiner Meinung nach günstiger.
Nachteil hierbei ist natürlich, daß man zumindest den oberen Teil in Reihen stricken muss (es sei denn, man arbeitet mit Steeks) und nicht zwischendurch anprobieren kann, sondern sich auf Maschenprobe und Maßband verlassen muss. Wenn man das denn überhaupt als Nachteil empfindet – ich tu’s nicht.

Sollte jemand noch eine andere Lösung kennen, würde mich die sehr interessieren.  Ich hab’ mir auf jeden Fall nun doch endlich mal Knitting from the Top von Barbara G. Walker bestellt (für knapp 16 € incl. Versand habe ich ein Exemplar bei Abebooks gefunden), dieses vielgelobte Standardwerk befindet sich ja erstaunlicherweise noch nicht im meiner Strickbibliothek.

Nach wie vor überzeugt mich die “nahtlos von oben”-Strickerei nicht, aber trotzdem ist es ja nicht verkehrt, wenn ich mein diesbezügliches Wissen erweitere. Ich bin der Meinung, daß man etwas nur dann ablehnen kann, wenn man darüber zumindest in Grundzügen Bescheid weiß. Das ist wie beim Essen: Man weiß erst dann, daß man etwas nicht mag, wenn man es zumindest einmal probiert hat (mein Vater musste sehr starke Nerven haben, bevor ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin – ich war ein furchtbares Kind, was unbekanntes Essen betrifft… :shock: )

Lana Grossa Classici 4

Die Classici-Heftreihe von Lana Grossa gefällt mir ganz gut, das sind -wie der Name schon sagt- immer ein paar schöne klassische Modelle drin, nicht so viel modisch-überkandideltes Zeug. Und -winke @ Benny- es gibt auch immer mehrere Herrensachen.
Vorgänger waren übrigens die “Merino”- und “Cotone”-Heft, wenn Ihr die noch irgendwo findet und einen ähnlichen Geschmack wie ich habt, dann schnappt sie Euch, da sind wirklich schöne Sachen drin.

Aber zurück zur Classici – nächste Woche kommt die neue Nummer 4 in den Handel:

Die werde ich mir auf jeden Fall holen, da sind relativ viele Sachen drin, die ich leiden mag.

Gut, genau genommen brauche ich natürlich für sowas wie die blaue oder die grüne Jacke keine Anleitung, die kann ich auch nach dem Bild stricken. Zumal Lana Grossa sowieso Schlabberstrick bevorzugt und ich deswegen alle Sachen auf Brettstrick umrechnen müsste.

Hier muss man was an der Taille ändern; so trägt das ja furchtbar auf :shock: . Da hat die Designerin wohl nicht bedacht, daß Patent immer gewaltig in die Breite geht. Damit die Rippen schön anliegen und eine Taille statt simulierter Rettungsringe erzeugen, müssen entsprechend viele Abnahmen eingebaut werden und am besten auch noch kleinere Nadeln genommen werden:

Hier müsste man natürlich Armkugeln oder Raglanärmel stricken, das sitzt ja grauenvoll :mad: (also ehrlich, das ist doch eine bescheuerte Mode, oder?). Aber die Farbe ist toll:

Der ist zu locker gestrickt und dann auch noch aus der Bingo – einmal waschen und er wird völlig die Form verlieren :wink: . Dünneres Garn, kleinere Nadeln und noch dünnere für die Patentrippen – dann wird das ein ganz toller Pullover:

Das Twinset (ja, die werden wieder modern) ist mein Favorit:

Alle Modelle könnt Ihr Euch hier angucken. Noch habe ich keine Bezugsquelle gefunden, aber es kommt ja auch erst nächste Woche raus. Dann bekommt Ihr es sicher in jedem Wollgeschäft, das Lana Grossa-Garne führt.

Die Sache mit dem Teststricken

Ich verrate Euch jetzt mal eine Tatsache, die den einen oder anderen von Euch vielleicht in den Grundfesten seines Glaubens erschüttern mag :wink: :
99% aller auf dieser Welt existierenden Strickanleitungen wurden niemals testgestrickt!

Jedes Modell wird normalerweise nur genau ein einziges Mal angefertigt.
Bei Kleidungsstücken ist das in der Regel die Standardgröße 36/38, weil Models eben diese Größe haben. Eine Ausnahme bilden da nur Designs speziell für größere Größen, aber auch da wird nur eine Größe gestrickt und das ist normalerweise auch nicht gerade die größte.

Bei Strickzeitschriften ist das -neben dem finanziellen Aspekt- einfach ein zeitliches Problem: In der Regel hat der Designer zur Anfertigung eines Modells maximal 6 Wochen Zeit. Wie soll das Modell in diesem kurzem Zeitraum auch noch testgestrickt werden, womöglich auch noch mehrfach in allen angebotenen Größen? Das geht ganz einfach nicht.

Bei Büchern ist die Zeit nicht ganz so knapp, aber auch hier steht sie nicht unbegrenzt zur Verfügung. Außerdem müssen die Produktionskosten so niedrig wie möglich gehalten werden, da ist ein Honorar für Teststricker einfach nicht drin.

Die einzigen, die es sich leisten können, ihre Modelle teststricken zu lassen, sind unabhängige Designer die keine festen Fertigstellungstermine haben und ihre Anleitungen selbst veröffentlichen. Und das funktioniert auch nur, weil es über das Internet, insbesondere Ravelry, mittlerweile relativ leicht ist, Teststricker zu finden, die nicht nur über das notwendige handwerkliche Können verfügen, sondern auch bereit sind, unentgeltlich -meist sogar noch unter Verwendung ihrer eigenen Garne- testzustricken.

Meiner Meinung nach wird das Teststricken ziemlich überbewertet.
Klar, Teststricken kann sinnvoll sein, um Fehler in einer Anleitung zu finden, insbesondere bei Strickschriften für aufwendige Muster. Ein Teststricker findet jedoch in der Regel auch nur Fehler in der Größe, die er nachstrickt, bei Modellen, die in mehreren Größen angegeben sind, müsste man also theoretisch alle Größen teststricken lassen, um wirklich auf Nummer Sicher zu gehen.

Fehler lassen sich aber normalerweise genauso gut (und in wesentlich kürzerer Zeit) durch mehrfaches sorgfältiges Kontrollieren der eigenen Anleitung finden. Oder man bittet jemand anderen darum, über die Anleitung zu schauen und alle Berechnungen nachzurechnen, manche Fehler übersieht man ja gerne immer wieder, weil man irgendwann betriebsblind wird.

Profis nutzen einen sogenannten “Tech-Editor”, auf deutsch heißt der in der Branche ganz profan “Anleitungsschreiber(in)” und übernimmt bei Zeitschriften und Büchern neben der Fehlerkorrektur die Aufgabe, weitere Größen auszurechnen und die Anleitung samt Strickschrift sprachlich und optisch an den Stil der jeweiligen Publikation anzupassen.

Im Gegensatz zu den freiwilligen Hilfskräften kosten “Tech-Editors” allerdings auch ein erkleckliches Sümmchen Geld – das rechnet sich daher nur für bekannte Designer, die ihre Anleitungen in mindestens dreistelliger Stückzahl verkaufen können.

Wo Teststricken vielleicht noch ganz sinnvoll sein könnte, wäre eventuell für Designer, die noch ungeübt im Anleitungsschreiben sind und überprüfen lassen wollen, ob ihre Arbeitsanweisungen verständlich formuliert sind. Normalerweise hat man ja aber selbst schon etliche Male nach Anleitung gestrickt und kennt die üblichen Formulierungen und Abkürzungen aus dem Effeff.

Teststricken hat aber noch einen ganz anderen -erwünschten- Nebeneffekt, ja, manchmal habe ich den Eindruck, daß das bei einigen Designern sogar der eigentliche Hauptzweck des Teststrickens ist: Es eignet sich wunderbar dazu, die Anleitung vor der Veröffentlichung schon mal publik zu machen und hat daher einen prima Werbeeffekt :wink:

Was Teststricken aber nicht leisten kann, obwohl es -wie ich den Kommentaren zu dem Beitrag über Ansprüche an Strickanleitungen entnommen habe- einige von Euch zu glauben scheinen: Es kann nicht die richtige Passform einer Größe garantieren!

Selbst wenn ich ein Modell in allen angegebenen Größen teststricken lassen würde, würde dies nur genau eine Erkenntnis bringen: Nämlich daß die Strickerin, die das Modell testgestrickt hat und der es dann auch tatsächlich passt, die Figur der Durchschnittsfrau hat, die den gängigen Maßangaben für ihre Konfektionsgröße zugrunde liegt.

Um ein Modell allerdings mit den Maßen aus den Größentabellen zu berechnen, reicht es in der Tat, diese Maße anhand der Maschenprobe hochzurechnen, da braucht es keinen Teststrick. Falls ich mich nicht verrechnet haben sollte, passt das Modell, wenn der Körper der Nachstrickenden die Durchschnittmaße und -proportionen für ihre Konfektionsgröße hat. Hat sie die nicht, wird das Modell nicht passen, auch wenn es zuvor 23 x testgestrickt worden wäre.
Um Rechenfehler zu finden, braucht man eine Anleitung aber nicht testzustricken, sondern nur nachzurechnen.

Wenn ihr in den Laden geht, probiert Ihr ein Kleidungsstück vor dem Kauf an, oder? Und das nicht nur um zu sehen, ob es Euch steht, sondern vor allem, um die Passform festzustellen, denn jedes Kleidungsstück fällt anders aus und sitzt unterschiedlich, auch wenn die Größe die gleiche ist.

Wie kann eine Strickerin also auf die Idee kommen, daß das Modell in Größe Y ihr auf jeden Fall passen wird, nur weil es testgestrickt wurde? Oder daß die schlechte Passform des fertigen Stücks einzig darauf zurückzuführen ist, daß die Größen nur anhand der Größentabellen umgerechnet wurden?

Eine ungünstige Passform entsteht, wenn die Maße des Strickstücks nicht zu den Maßen des eigenen Körpers passen. Hat man also nicht die Durchschnittmaße und -proportionen der eigenen Konfektionsgröße (und wer hat die schon), muss man das Modell ohnehin an die eigenen Maße anpassen, Teststrick hin oder her.
Wichtig hierfür ist lediglich eine ausreichend bemaßte Schnittzeichnung, damit man die Maße der Anleitung mit den eigenen Körpermaßen und/oder einem gut sitzenden Kleidungsstück vergleichen kann, um festzustellen, ob und wo man selbst Anpassungen vornehmen muss.

Kein Teststricker der Welt kann Maßband, Maschenprobe und Dreisatz ersetzen :idea:

Woolness – mal so und mal so

Welche Strickerin hat nicht schon mal davon geträumt, von Kopf bis Fuß in Wolle zu versinken und darin zu baden?

Diesen Traum kann man sich nun auf der holländischen Insel Texel im gleichnamigen Hotel erfüllen (danke an Delikat für’s Finden und Posten bei Ravelry):

Ich finde, das ist eine schöne Idee und eine prima Verwertung der Wolle des Texelschafes (danke, BlueSwan :wink: ), die ansonsten nicht sonderlich kuschelig und daher zum Verstricken wenig geeignet ist. Das Texelschaf ist heutzutage ein reiner Fleischlieferant und ich vermute, daß die Wolle ansonsten im Müll landen würde.
elisabeth62 schreibt allerdings im gleichen Thread, daß es durchaus Handspinnerinnen gibt, die Texelwolle verwenden und schlägt vor, die Handspindel mit ins Bad zu nehmen :mrgreen:

Woll-Wellness der etwas anderen Art kann man dagegen demnächst im Berliner Ladengeschäft von Die WollLust erleben. Birgit bekommt im August alle 100 Farben der von Holst bekannten Supersoft rein und braucht noch wolllüstige Menschen, die ihr beim Basten der Farbkarten für die Supersoft und andere Garne helfen (flüster: Sie hat auch die Coast…).

Leichtsinnigerweise hat Birgit gestern bei Ravelry verkündet, daß jeder, der zum Helfen kommt, pro fertige Farbkarte 100 g Supersoft als Gegenleistung bekommt.  Das bedeutet, Ihr habt nicht nur das Vergnügen, in einem wolligen Farbenmeer schwelgen zu können, sondern bei der hohen Lauflänge des Garns bekommt Ihr für drei Farbkarten schon das Garn für einen ganzen Pullover!

Ich habe Birgit gewarnt, daß sie bei so einem großzügigen Angebot damit rechnen muss, daß die bastelfreudigen und wollwütigen Strickerinnen dann wohl bald in Reisebussen bei ihr vorfahren werden, aber sie ist bereit, das Risiko auf sich zu nehmen :grin:
Also Mädels, auf geht’s: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin… :mrgreen:

Maschenanschläge & Co.

Mehr Arten, die Maschen auf die Nadeln zu bringen, als man in diesem Leben vermutlich braucht, findet Ihr bei New Stitch a Day, zum Beispiel den”Alternating Cable Cast On”:

Auch die anderen Technikvideos sind gut gemacht und zeigen teilweise wirklich interessante Dinge. Dazu gibt es ein “Video Stitchionary” für alle, die Muster besser verstehen können, wenn sie ihnen vorgestrickt weren.

Wenn bloß dieses unendliche Gelabere nicht wäre, bis die mal zu den entscheidenden 2,23 Sekunden kommen, wo wirklich gezeigt wird, worum es geht *seufz* Ich schaffe es nie, solche Video komplett zu gucken, da fehlt mir die Geduld.
Ich spule vor, *verpasse die wichtige Stelle, spule zurück, natürlich zu weit, wieder vor* ab * 3 x wiederholen, und spätestens dann bin ich so genervt, daß ich den Menschen im Video nur noch anfauchen möchte: “sabbel nicht rum, komm’ endlich auf den Punkt!”
Aber gut, das geht mir mit manchen Menschen im realen Leben auch so, bloß daß ich die weder vorspulen noch abschalten kann… :wink: