Einfach mal drauflos stricken… Teil 4

Bei Jacken beginne ich grundsätzlich immer mit dem (im Tragen) linken Vorderteil. Das ist zum einen einfach Gewohnheit, aber es hat auch einen tieferen Sinn – zumindest dann, wenn ich die Blende gleich mitstricke. Denn links kommen bei mir immer die Knöpfe hin, wie sich das für Damenbekleidung gehört (warum das so ist, dazu gibt es die -allerdings umstrittene- Zofentheorie)

Würde ich mit dem rechten Vorderteil anfangen und die Blende gleich mitstricken, müsste ich dabei gleichzeitig die Knopflöcher platzieren. Zu dem Zeitpunkt weiß ich aber noch gar nicht, wie lang die Blende wird und somit auch nicht, in welchem Abständen ich die Knopflöcher machen muss. Es ist also (auch bei angestrickten Blenden) viel einfacher, zuerst die Knopfblende zu stricken, weil ich dann ganz genau weiß, wieviele Reihen diese hat und mir ausrechnen kann, wo die Knopflöcher hingehören.
Außerdem kann ich auf diese Weise auch -z.B. bei Rippenblenden- die Anzahl der Knöpfe so bestimmen, daß sie immer entweder auf einer Rippe oder zwischen einer Rippe sind. Ich mag es nicht, wenn das uneinheitlich ist.

Was für mich als Perfektionist auch gar nicht geht, ist die Anweisung (vor allem in englischsprachigen Anleitungen): „Lege die Knöpfe in gleichmäßigen Abständen auf die Blende und markiere dann am gegenüberliegenden Teil die Position der Knopflöcher“. Das ist mir viel zu ungenau. Und außerdem total umständlich, ausrechnen geht viel schneller und einfacher (wer nicht rechnen mag, für den gibt es den Knopfloch-Kalkulator).

Nun muss ich aber erstmal ausrechnen, wieviele Maschen ich überhaupt anschlagen muss. Beim Rückenteil hatte ich 161. Die Blende stricke ich gleich mit, muss dafür also keine Maschen abziehen, aber natürlich die Ãœberlappung berücksichtigen. Die Blende soll in etwa 4 cm breit werden, das sind 11 M. 161 + 11 = 172, geteilt durch 2 ergeben sich 86 M pro Vorderteil.
Da ich vorne aber für Bauch und Busen ein bisschen mehr Platz brauche, gebe ich nochmal 5 M dazu, dann habe ich auch wieder eine ungerade Maschenzahl für das Perlmuster. Und ich will dazu eine Patent-Randmasche über 3 M haben. Alles zusammen also 94 M.

Da bei der Patent-Randmasche jede Masche de facto nur in jeder 2. R gestrickt wird, zieht sich der Rand in der Höhe etwas zusammen. Das macht aber gar nichts, denn Strick ist ja zum Glück elastisch. Beim Stricken braucht man ihn nur ab und zu mal kräftig in die Höhe ziehen und schon passt er sich wunderbar an und man bekommt eine sehr saubere Kante, die sich bei diesem Muster auch nicht rollt. Für offen bleibenden Kanten also eine sehr feine Lösung, bei der auch die Rückseite gut aussieht:

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Der Musterpart ist beendet, nun geht es an die Tasche. Hie habe ich mit den türkisen Stecknadeln markiert, wo ich sie hinhaben möchte (die gelben Nadeln markieren die Breite der Blende):

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Die Tasche wird also 32 M vom rechten Rand entfernt sein und eine Breite von 37 M haben. Zuerst wollte ich die Taschenmaschen in der Hinreihe abketten, das sah aber ein bisschen dürftig aus:

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Also werde ich erst in der Rückreihe abketten. Zunächst stricke ich aber schnell den Taschenbeutel, dennn den brauche ich gleich. Hierfür schlage ich zwei M mehr als die gewünschte Taschenbreite an und stricke dann so lange glatt rechts, bis die Tasche so tief ist, wie ich sie haben möchte. Die Taschenmaschen bleiben auf der Nadel, die werden gleich beim Einfügen der Tasche abgestrickt.

In der Rückreihe passieren nun einige Dinge gleichzeitig. Erst kommen die 3 Randmaschen, dann die 11 Blendenmaschen. Nun wird rot angesetzt für den roten Streifen. Nach 11 roten Maschen kette ich die 37 Taschenmaschen ab. Hierfür nehme ich einen extra Faden, sonst habe ich die Grundfarbe nachher an der anderen Seite der Tasche, wo ich sie gar nicht gebrauchen kann. Ich könnte sie zwar auch wieder mit zurück nehmen, habe dann aber Spannfäden, das muss ja nicht sein. Dann vernähe ich lieber zwei Fäden mehr und kann beim Vernähen die Ecken der Taschen gleich noch zusätzlich verstärken.

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Ich kette in diesem Fall mit rechten Maschen ab, damit sie auf der Vorderseite links erscheinen. Gerade hier ist sehr festes Abketten besonders wichtig, die die Taschenkante Stabilität erhält. Das darf sich auch ruhig etwas zusammenziehen, es dehnt sich sowieso sehr schnell wieder aus, wenn man die Tasche benutzt. Wenn die Taschenkante von vorherein schon labberig ist, hängt sie nach kurzer Zeit unschön nach unten und nach vorne, das mag ich gar nicht leiden.

Als nächstes wird der Taschenbeutel eingefügt. Hierzu stricke ich einfach anstelle der 37 abgeketteten die 39 M des Taschenbeutels ab und arbeite die Reihe dann ganz normal zu Ende. In der nächsten Hinreihe wird die letzte M vor dem Taschenbeutel mit der ersten M des Taschenbeutels per SSK zusammengestrickt. Das gleiche passiert am Ende der Tasche, da stricke ich die letzte M des TB mit der nächsten M re zusammen. So komme ich wieder auf 37 Taschenmaschen, die Taschen-Eckrandmaschen liegen hinter den M vom Hauptgestrick und ich habe noch eine kleine Verstärkung an den Ecken.

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Bim Ãœbergang zwischen Blende und rotem Streifen muss ich die Fäden natürlich jedes Mal miteinander verkreuzen, damit es keine Löcher gibt. Danach muss ich die Grundfarbe leider neu ansetzen, sonst hätte ich an der Blende eine Reihe zuviel, weil ich nur 5 R rot habe – mit 6 R wäre das nicht passiert (typischer Fall von nicht weit genug voraus gedacht…). Aber gut, damit kann ich leben. Ist aber im Moment ein ganz schönes Fadengewurschtel:

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Inzwischen ist das Chaos aber beseitigt:

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Die Tasche zeichnet sich außen relativ stark ab – eigentlich mag ich das nicht so leiden, aber ich weiß auch nicht, wie man es ändern könnte. Außer vielleicht mit einem doppelten Taschenbeutel, den man nicht festnäht, aber der trägt dann so auf.

Ich hoffe das gibt sich nach dem Waschen wenigstens noch etwas:

IMG_3718

Ab jetzt wird es wieder entspannt – bis 35 cm Höhe muss ich außer an die Tailierung -die ich wie beim Rückenteil mache- an nicht weiter denken. Dann aber muss ich mir langsam Gedanken um den Schalkragen machen. Hierzu in der nächsten Folge mehr.

22 comments for “Einfach mal drauflos stricken… Teil 4

  1. Eva
    29. November 2015 at 16:36

    Liebe Tina,
    sonst eher stille Leserin muss ich jetzt doch mal kommentieren: ich freue mich riesig, dass du wieder mehr Beiträge veröffentlichst und nun auch noch so eine tolle Serie über einen selbst entworfenen Pulli!!
    Das hilft gerade Anfängern wie mir sehr – vielen Dank dafür.
    Eine schöne Adventszeit für dich

    liebe Grüße
    Eva

  2. Luise
    29. November 2015 at 17:44

    Zur Tasche: Wie wäre es, wenn du sie vor dem Annähen dämpfst? Dann wären die Seiten flacher und ziehen das Vorderteil nicht so stark nach hinten? Oder eine andere Kante stricken, die die Tasche an den Seiten nicht so sehr nach innen rollt.

    • Tina Hees
      29. November 2015 at 17:54

      Das wäre auf jeden Fall einen Versuch wert – obwohl mein Bügeleisen und ich wirklich keine Freunde sind… 😉
      Das werde ich auf der anderen Seite mal ausprobieren.

      • Luise
        29. November 2015 at 18:10

        Willkommen im Club! Aber das gedämpfte Teil ist ja nachher nicht zu sehen…

  3. Sissi
    29. November 2015 at 17:53

    Hallo Tina!
    Wieder sehr interessant! Viele Taschen habe ich noch nicht gemacht – aber an einer Häkeltunika genauso wie Du hier (ist in diesem Fall nicht viel anders als beim Stricken) – bloß, dass sie noch nicht fertig ist hüstelhüstel…. (ist schon ewig ein UFO, irgendwie krieg ich die Ärmel nicht mehr fertig 🙂 )
    kommt Zeit, kommt Ärmel 😀
    Vielen Dank für die genaue Anleitung! Ist äußerst hilfreich!!!
    glg Sissi

  4. Klara
    29. November 2015 at 23:35

    Ich bin begeistert! Deine Serie ist sehr lehrreich.

  5. Mimi
    30. November 2015 at 08:25

    Hallo,
    viele haben so eigene Methoden, ich stricke alles in einem Arbeitsvorgang.
    Wenn ich in der Stelle bin, wo die Tasche anfangen soll- untere Taschenrand, verdoppele ich die Maschen des Vorderteils- in der Taschenbreite. In der Rückreihe stricke ich die Hälfte der Maschen in der Farbe des Pullovers, die andere in der Farbe der Tasche.
    Dann stricke ich immer gleichzeitig das Vorderteil und im hinterem die „Rückwand“ der Tasche..
    Mit jeder „Randmasche“ der Tasche fasse ich die Maschen des Vorderteils und stricke diese ab.
    So mache ich bis zum oberem Rand der Tasche. Vielleicht ist kompliziert das nachvollziehen aber es gelingt prima.
    So ersparre ich mir das leidige zusammennähen.
    Bin neugierig was Du über das denkst?
    Beste Grüße
    Mimi

    • Mimi
      30. November 2015 at 12:50

      Eine Ergänzung:
      man kann das gleiche umgekehrt machen.
      Nach dem abketten der Maschen für die Tasche, in der Rückreihe, einen provisorischen Maschenanschlag mit der gleichen Zahl Maschen, wie abgekettet, nach unten, Richtung Saum stricken und immer eine Randmasche der Tasche und eine Masche der Vorderseite, fassen und Richtung Saum stricken.
      Dann die letzte Reihe der Maschen der Tasche mit den Maschen des Vorderteils zusammenstricken.
      bis dahin…..
      Mimi

    • Luise
      5. Dezember 2015 at 21:42

      Das ist ja einfach genial! Und ich habe es auch verstanden!! Werde ich beim nächsten Projekt gleich ausprobieren!

    • Sybille
      17. Dezember 2015 at 15:17

      Das ist eine gute Idee, die Maschen zu verdoppeln. Wie geht man da am Besten vor? Zunahmen aus dem Querfaden? Oder egal, Hauptsache eine Masche mehr?

      Viele Grüße, Sybille

  6. Katharina
    30. November 2015 at 12:51

    Ich habe die Taschen bei der letzten Jacke nicht angenäht. Dafür habe ich den Taschenbeutel halb gestrickt und halb aus fertigem Netzfutter (Mesh) genäht.

    Die Rückwand des Taschenbeutels habe ich zuerst gestrickt. Nach dem Stillegen der Maschen für den Tascheneingriff habe ich den vorher gestrickten Taschenbeutel eingefügt und die Vorderseite der Jacke beendet.

    Dann habe ich aus Netzfutter (franst nicht aus) einen Taschenbeutel zugeschnitten und ihn an die unteren drei Taschenkanten der gestrickten Taschenrückwand genäht. Die obere Kante des Netzfutters habe ich mit der unteren Taschenkante verbunden. Damit hängt der Taschenbeutel lose und trägt nicht so auf, weil er nur aus einer Lage Gestricktem und einer dünnen Lage Netzfutter besteht.

    • Katrin
      1. Dezember 2015 at 09:48

      Gute Idee, Katharina!

      Den Tip werde ich mir merken.
      Ich habe noch nicht oft Jacken mit Taschen gestrickt – und wenn, dann waren es nur Fakes: der „Taschenbeutel“ war nur 2 Reihen tief … Immerhin hat sich da auch absolut nichts abgezeichnet 🙂

      LG Katrin

  7. 2. Dezember 2015 at 08:12

    hallo tina
    wie wäre es denn mal mit einem KAL zusammen mit anderen strickerinnen hier? zum beispiel ein design von dir?
    liebsgrüssli in den norden
    Nicole

  8. 2. Dezember 2015 at 13:12

    Ich habe gerade die „Sans Serif“-Jacke aus dem Buch „Top Down“ von Elizabeth Doherty gestrickt, die hat auch Taschen. Sie arbeitet die Taschenbeutel aus dünnerem Garn, die tragen gar nicht auf.
    lg
    Ingrid

  9. Waltraud
    2. Dezember 2015 at 13:29

    Vor über 30 Jahren, als ich noch Strickjäcken mit Taschen für meine Töchter aus Sockenwolle strickte, nahm ich für das Tascheninnere das Beilaufgarn. Heute würde ich Coast von Holst wählen.

  10. 2. Dezember 2015 at 16:37

    Das wird richtig schön! Ich habe bislang immer die Taschen mit diesem doppelten Taschenbeutel gestrickt, wusste gar nicht, dass das mit annähen doch so unauffällig wird. Und ich weiß jetzt, wieso ich eigentlich nie Jacken mit Knopflöchern stricke – ist viel zu kompliziert (ich mache das immer auf ungefähr).
    LG und eine schöne Adventszeit
    Ingrid

  11. Nadelmaid
    14. Dezember 2015 at 16:20

    Hallo!

    Ich bin total begeistert von deiner kleinen Serie, weil ich mit großen Teilen (und die sind für mich ziemlich groß ðŸ˜‰ ) ein wenig auf Kriegsfuß stehe. Ich habe ehrlich gesagt immer zuerst die Blende mit den Knopflöchern gestrickt. Ich mag Knopflöcher nicht wirklich stricken,deswegen wollte ich es schnell hinter mir haben…. Und dann hab ich mich latürnich geärgert, dass es vorne und hinten nicht hinpasste und ich irgendwie immer mauscheln musste. Ich werde jetzt auf jeden Fall mal zuerst die Knopfleiste stricken, vielleicht bekomme ich es ja dann mal hin.
    Zu den Taschen fällt mir nicht wirklich was ein, außer dass man vielleicht Taschenbeutel aus Stoff integrieren könnte. Da ich noch nie eine Tasche gestrickt hab, gibt mein Hirn auch keine weitere Idee her. Ich find Taschen zwar furchtbar praktisch (und spannend, weil ich da Sachen drin finde, die mich immer wieder überraschen 😀 ), aber bei Strickjacken find ich die nicht wirklich schön. Irgendwie. Weiß der Abendwind, warum.
    Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
    LG
    Nadelmaid

  12. Anne
    18. Dezember 2015 at 13:55

    Asymmetrischer Ärmel

    hallo, Tina, und alle, die diesen Ärmel schon gestrickt haben, ich habe mir nochmal die Anleitung zum asymmetrischen Ärmel angesehen, und da ist doch etwas unklar:

    wenn ich an der vorderen Armkugel mehr Maschen abnehme als an der hinteren, das gleiche dann am Vorderteil, dann mu嫧 ich die Maschen am Vorderteil doch auch wieder zunehmen, damit die Maschenzahl an der Schulter bei Vorderteil und Rückenteil gleich ist, oder? und vermutlich auch bei der Armkugel, damit diese die nötige Weite erhält?
    leider habe ich keine Original vintage-Anleitung mit so einem Ärmel, wo das beschrieben sein könnte!

    und sonst freue ich mich, wenn wieder über Projekte berichtet wird

    beste Grüße

  13. Doris
    28. Dezember 2015 at 08:31

    Guten Morgen,
    Weihnachten gut überstanden? Und ist die Jacke fertig??? http://tichiro.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/bf-knittingsmiley.gif—war nur ein Scherz.

    Ich bin gespannt, wie alles weitergehen wird.

    Beste Grüße an dich und die Strickgemeinschaft hier und genießt noch die restlichen Tage des Jahres. das neue Jahr steht schon in den Startlöchern.
    Ich wünsche ein gutes, gesundes neues Jahrhttp://tichiro.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif
    Doris

  14. Svenja
    2. Januar 2016 at 13:41

    Hallo Tina,
    ich wünsche Dir ein schönes strickvergnügtes 2016.

    Wie hast Du den Schalkragen gelöst? Ich habe versucht, da wo der Kragen umklappt, das Muster von links nach rechts zu wechseln, damit der Umschlag das gleiche Muster hat wie die Blende. Aber das hat nicht so richtig geklappt. Jetzt überlege ich, zu ribbeln und einen verschlusslosen Schalkragen von unten ab zu stricken. Aber das ist auch nicht so der Knüller. Hast Du eine Lösung?

    Liebe Grüße
    Svenja

  15. Susann
    15. Januar 2016 at 13:57

    Die Zofen-Theorie hab ich ja noch nie gehört. Mir wurde von einer Schneidermeisterin erklärt, dass das mit den Knöpfen bei Damenbekleidung auf der linken Seite daher kommt, dass der Herr immer rechts neben der Dame geht (er muss ja mit der rechten Hand Türen für die öffnen) und so nicht zwischen die Knöpfe gucken kann.

  16. 22. April 2016 at 16:53

    Ich hoffe wir dürfen den Pulli noch fertig bewundern. Das würde mich echt freuen.

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