Von der Kunst, einen passenden Pullover zu stricken – Teil 4: Pullover mit überschnittenen Ärmeln

Allen Anfängern, die noch nie einen Pullover gestrickt haben, sei gesagt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Oder um es mit Jinx’ Worten zu sagen: „Einen Pullover zu stricken lernt man nur, indem man einen Pullover strickt“. Also redet Euch nicht ein, dass Ihr das nicht könnt, dass Ihr noch nicht so weit seid usw. Ihr könnt rechte und linke Maschen, zunehmen, abnehmen und abketten? Dann könnt Ihr genug, also einfach ran an die Buletten 😀 .

Sehr wichtig finde ich, dass man ein gutes Grundlagenbuch zum Nachschlagen besitzt. Im Internet lässt sich zwar auch unglaublich viel finden, aber ein Buch ersetzt es meiner Meinung nach nicht. Bücher brauchen keinen Strom, funktionieren immer und man kann sie überall mit hinnehmen.

Nun wird die eine oder andere von Euch sagen: „Was soll der ganze Quatsch mit der Rechnerei. Ich mach’s mir einfach und benutze einen Strickrechner“. Strickrechner sind eine feine Sache – wenn sie was taugen. Und wenn man damit umgehen kann. Und wenn der Input stimmt. Eine falsche Zahl und Ihr bekommt unter Umständen keinen gut sitzenden Pullover, sondern ein Leibchen für Quasimodo. Wer also weiß, wie es ohne Strickrechner geht, ist PC-unabhängig und hält ausserdem sein Hirn auf Trab.

In dieser Folge fangen wir mit dem einfachsten Schnitt an: Ein Pullover mit überschnittenen Ärmeln. Da braucht Ihr nur drei Maße aus der ersten Folge: A, B und E also Länge, Breite und Armausschnitt. Letzteren gibt es zwar bei überschnittenen Ärmeln gar nicht, aber das Maß dient genauso zur Bemessung der Ärmelbreite am oberen Ende.
Der Schnitt für einen solchen Pullover sieht so aus:

(klick auf’s Bild macht ihn groß â€“ zum ausdrucken und eintragen Eurer Maße und Maschenzahlen)

Er eignet sich vor allem für geräumige Wolfühlteile, dicke Outdoorpullis, wo man noch was drunter zieht und kastige Jacken. Auch die meisten Männerpullover sind so geschnitten. Desgleichen klassische Arans, Ganseys (die haben meist noch eine Zwickel unter dem Arm) und Fair Isle-Pullover. Wer seine Figur betonen möchte, greift lieber zu einem anderen Schnitt.

In echt könnte er dann so aussehen:

Jetzt geht’s los mit der Rechnerei – schnappt Euch Papier, Bleistift, Radierer und einen Taschenrechner.

Wichtig: Schreibt Euch alle Maschenangaben und Maße, die Ihr errechnet habt, auf und bewahrt sie zusammen mit Eurer MaPro auf. Gerade wenn man mehrere WIPs hat, die womöglich zeitweilig auch noch zu UFOs mutieren, kann man sich die ganzen Daten sonst niemals merken, was eine Reanimation nach gewisser Zeit unmöglich machen kann. Ich habe schon Strickstücke wieder ausgegraben, bei denen ich nicht mal mehr die Nadelstärke wusste. Am besten notiert Ihr auch noch, welches Modell aus welchem Heft/Buch Ihr machen wollt, es soll schon Strickerinnen gegeben haben, die verzweifelt ein Bündchen in den Händen gedreht haben und überlegt haben, was in aller Welt das wohl mal werden sollte 🙄

Angenommen, Ihr wollt den Pulli 52 cm breit und 60 cm lang haben, der Ärmel soll oben 22 cm breit sein (also 44 cm Ärmelumfang). Eure Maschenprobe ergibt 22 M und 31 Reihen auf 10 cm.

Die anzuschlagende Maschenzahl errechnet Ihr: 52 : 10 x 22 = 114,4 Maschen. Plus 2 Randmaschen (die fallen ja nachher beim Nähen für die Breite weg) ergibt 116 – 117 anzuschlagende Maschen. Wer in Runden stricken möchte, lässt die beiden Randmaschen bei der Berechnung einfach weg.
Die Breitenformel (Mathe-Allergiker laufen jetzt hoffentlich nicht schreiend davon 😉 ) lautet also: Breite geteilt durch 10 mal Maschenzahl der MaPro + 2 Randmaschen.

Die insgesamt zu strickenden Reihen rechnet Ihr genauso: 60 : 10 x 31 = 186 Reihen.
Längenformel: Länge : 10 x Reihenzahl der MaPro

Und die Ärmel? Nun, wieviel Maschen der Ärmel am oberen Ende haben muss, können wir auch nach der Breitenformel ausrechnen: Höhe Armausschnitt (also E) x 2 = Armumfang. In unserem Beispiel 44 cm (für eine geräumige Wohlfühlweite und um was drunter zu ziehen, könnt Ihr 2 – 4 cm dazu addieren).
44 : 10 x 22 = 96,8 + 2 Randmaschen = 99 Maschen am Ende des Ärmels.

Ja, werdet Ihr jetzt sagen, aber wieviel Maschen muss ich denn für den Ärmel anschlagen, wenn ich ihn von unten stricken will bzw. wieviel Maschen muss ich abnehmen, wenn ich den Ärmel von oben stricken will? Ganz einfach: Ihr strickt erst mal ein Stück Rückenteil und legt das dann um Euer Handgelenk, so locker, wie es nachher sitzen soll. Rippenmuster leicht gedehnt anlegen. Und jetzt zählen, wieviel Maschen das Stück um Euer Handgelenk hat.

Man könnte natürlich genauso gut den Umfang seines Handgelenks messen und dann rechnen. Meine Methode hat aber einen entscheidenden Vorteil: Stichwort Bündchen! Strickt Ihr etwas mit Bündchen, hat das eine andere MaPro als der Rest des Pullovers, weil sich das Bündchen im Normalfall zusammenzieht, das soll es ja auch. (Tip am Rande: Gerippte Bündchen immer mit einer halben Nadelstärke kleiner stricken). Berechnet Ihr den Ärmelanschlag nun nach Eurer MaPro des Hauptmusters, kann es leicht passieren, dass das Ärmelbündchen zu eng wird. Natürlich könnte man eine Extra-MaPro für das Bündchenmuster machen, waschen, spannen und messen – aber ganz ehrlich: Habt Ihr dazu Lust? Ich jedenfalls nicht.
Wer einen ¾ oder einen kurzen Ärmel haben möchte, legt entsprechend höher an.
Ausnahme: Wenn Eure MaPro sich nach dem Waschen sehr in der Breite verändert hat, sollte Ihr lieber die MaPro als Berechnungsgrundlage nehmen (Breitenformel) und ein paar Maschen draufschlagen, wenn Ihr ein Bündchen macht (10 – 15 %).

Nun habt Ihr die Anfangs- und die Endmaschenzahl für Eure Ärmel. Die Differenz ergibt die Anzahl der Zunahmen (bzw. wenn Ihr von oben strickt die Abnahmen). Beispiel: Oben 99 M, unten 57 M. Differenz 42 M : 2 = 21 x beidseitig je 1 M zunehmen.

Die Länge des Ärmels rechnen wir gar nicht aus. Könnte man auch, muss man aber gar nicht. Ausnahme: Die MaPro hat sich nach dem Waschen sehr in der Breite und/oder in der Länge verändert. dann müsst Ihr wohl oder übel rechnen, dazu nachher mehr.
Erstmal aber meine Methode für Rechenfaule 😉 :
Ich stricke einfach Rücken- und Vorderteil(e) fertig, schließe schon mal die Schulternähte und die Seitennähte, letztere aber nur bis knapp vor Höhe des späteren Ärmelansatzes. (Faustregel: Höhe minus Armausschnitt (E) minus 5 cm). Jetzt kann ich schon mal anprobieren und sehen, ob mir das Teil soweit von der Länge und Breite passt.
Das Zusammennähen hat außerdem den Vorteil, daß es einen zum Weiterstricken motiviert und man schon mal die halbe Näharbeit erledigt hat. Da ich ein faules Mädchen bin, nehme ich ein langes Fädchen, mit dem ich dann später auch in einem Rutsch die Ärmelnähte schließen kann.
Nun kann ich ganz locker meinen Ärmel stricken und zwischendurch immer mal anprobieren und anhalten, ob er schon lang genug ist.

Wenn ich allerdings die Ärmellänge nicht vorher weiß, muss ich mir was ausdenken, in welchen Abständen ich die Abnahmen mache. Auch da habe ich eine Faustregel (ich liebe Faustregeln 😉 ): Ab Bündchen bis zum Ellenbogen nehme ich in jeder 4. Reihe zu, danach in jeder 6. Reihe (Warnung: ich weiß nicht, ob das bei sehr dicken Garnen auch funktioniert!). Meistens bin ich dann ungefähr auf der Mitte des Oberarms mit dem Zunahmen fertig und stricke den Rest gerade hoch. Wer sehr kräftige Unterarme und dazu schmale Handgelenke hat, sollte nach dem Bündchen schon mal gleichmäßig verteilt 10 – 15% der Anzahl der Bündchenmaschen zunehmen, für alle anderen reicht der Wechsel der Nadelstärke.
Und immer wieder anhalten und gucken, ob es passt und ggf. die Abstände der Zunahmen anpassen. 5 cm aufzuribbeln ist längst nicht so schlimm wie einen ganzen Ärmel wieder aufzumachen. Sofern Eure MaPro nach dem Waschen sehr in die Breite gegangen ist, darf der Ärmel ruhig ein wenig stramm sitzen, das dehnt sich ja dann nach dem Waschen.

Das Gleiche gilt übrigens auch, wenn Ihr mit dem Rückenteil beginnt: Messen, messen, messen! Es kann immer wieder mal passieren, dass sich ein großes Strickstück anders verhält als Eure Maschenprobe. Die erste grobe Messung mache ich 5 cm nach dem Bündchen (so ich denn ein solches habe). Das Bündchen beim Messen soweit auseinanderziehen, dass der Rest des Strickstücks glatt liegt. Wenn ich da schon wesentliche Abweichungen von meinem Zielwert habe, sprich mehr als +/- 5 cm, stimmt was nicht. Dann habe ich entweder einen Rechenfehler gemacht oder ich stricke auf einem großen Stück ganz anders als bei meiner MaPro (was ein ziemliches Problem darstellt, denn dann muss ich viel größere MaPros machen). Letzteres kann ich feststellen, indem ich meine MaPro mit dem großen Teil vergleiche. Die zweite Messung mache ich bei 10 cm und noch mal bei 20 cm. Da sollte dann spätestens die Breite stimmen.
Ausnahmen:

  • Meine MaPro hatte sich nach dem Waschen sehr verändert. Dann kann ich mir das Messen sparen, weil ich ungewaschen und gewaschen nicht vergleichen kann.
  • Rippen. Auch hier muss ich mich auf meine gespannte MaPro verlassen.

So, was mache ich aber nun, wenn meine MaPro sich nach dem Waschen so verändert hat, daß die „Ärmel-Anhalte-Methode“ nicht funktioniert? Dann messe ich bei einem gut passenden Pullover die Spannweite, also von Bündchen zu Bündchen. Davon ziehe ich meine Breite (B) ab. Das Ergebnis geteilt durch 2 ist meine Ärmellänge (natürlich nur bei überschnittenen Schultern). Die Anzahl der für den Ärmel zu strickenden Reihen berechne ich wieder nach unserer Längenformel: gewünschte Ärmellänge : 10 x Reihenzahl der MaPro.

Wenn ich auf diese Weise weiß, wieviel Reihen mein Ärmel haben muss, kann ich den Abstand der Zunahmen natürlich auch wunderbar ausrechnen. Ich ziehe von der Anzahl der Ärmelreihen 10 Reihen ab (auf den letzten Reihen will ich nicht mehr zunehmen) und teile den Rest durch die Anzahl der benötigte Zunahmen. In unserem Beispiel waren das 21. Habe ich für den Ärmel nun eine Gesamtreihenzahl von 120 ermittelt, rechne ich: 120 – 10 = 110. Das geteilt durch 21 ergibt 5,23. Also nehme in 10 x in jeder 4. Reihe (40 Reihen) und 11 x in jeder 6. Reihe (66 Reihen) zu. Die erste Zunahme mache ich daher in Reihe 5 (ggf. nach dem Bündchen), die letzte Zunahme in Reihe 111 (5 + 40 + 66). Habe ich nach dem Bündchen schon mehrere Maschen auf einmal zugenommen, verringere ich die Anzahl der restlichen Zunahmen entsprechend.

Habt Ihr bis hierhin durchgehalten? Fein, denn jetzt geht es ans Muster einteilen. Hierzu kommen wir in der nächsten Folge. Und wer schon immer gerätselt hat, was Anweisungen wie „Maschenzahl teilbar durch 8 + 3“ zu bedeuten haben, dem wird dann ein 💡 aufgehen 😉

10 comments for “Von der Kunst, einen passenden Pullover zu stricken – Teil 4: Pullover mit überschnittenen Ärmeln

  1. 26. Mai 2009 at 00:29

    Oh Tina, welche Arbeit in diesem Beitrag steckt.
    Wirklich super, was du da machst. 🙂

    LG Heike

  2. Cecily
    26. Mai 2009 at 08:11

    Langsam krieg ich richtig Lust, mir meinen höchstprivatpersönlichen Pulli zu stricken! 🙂

  3. 26. Mai 2009 at 10:15

    Hallo Tina,
    Ich lese deine Anleitung(en) wirklich gerne. Als ich mit Pullistricken angefangen habe, musste ich mir das gesamte Knoff-Hoff selber anarbeiten.

    Vielen Dank!

    –Thea

  4. Mona
    26. Mai 2009 at 19:45

    Ich möchte mich Heike anschliessen, die Serie ist super gelungen und auch wenn ich schon gute 20 Jahre stricke, lese ich total begeistert Deine „Anleitungen“ und werde die irgendwann fertige PDF – Datei auf jeden Fall ausdrucken und griffig ablegen. DANKE für die Mühe 😛 ❗

  5. 26. Mai 2009 at 20:58

    Hallo Tina!

    Auf diese umfangreiche Anleitung – oder besser: Enzyklopädie – komme ich ganz sicher bei Gelegenheit gerne zurück, wenn ich mal wieder ein Großprojekt in Angriff nehme.
    Du erklärst wirklich prima! Vielen Dank, dass du dein Wissen so bereitwillig weitergibst und dir viel Mühe damit machst.

    LG Andrea

  6. Anne
    28. Mai 2009 at 13:25

    Hallo Tina
    Das ist der Wahnsinn wieviel Arbeit du dir da gemacht hast.
    Vielen, vielen Dank
    Alles Liebe
    Anne

  7. Doreen
    7. Juni 2009 at 11:36

    Hallo Tina,

    vielen Dank für diese tolle Serie. Meine Güte, was du dir damit für eine Arbeit machst. Allein beim Lesen musste ich manchen Satz nochmal lesen, um ihn zu verinnerlichen. Wirklich eine Wahnsinnsleistung von Dir.

    LG Doreen

  8. Angi
    11. Juni 2009 at 14:38

    Hallo Tina,
    bin heute durch Zufall auf dieser Seite gelandet und hab nur noch gelesen und gestaunt. Es unglaublich wieviel Mühe du dir gibst. Ich werde deine Tipps beherzigen.
    Vielen Dank und weiter so 😀

    LG Angi

  9. Ulli
    26. Juni 2009 at 21:44

    Hallo Tina,
    auch ich bin durch Zufall auf deine Seite gestoßen und wie die anderen überwältigt von deiner detaillierten Beschreibung und der Art, wie du erklären kannst!
    Meine Schwierigkeit beim Pulli stricken ist der Armzwickel, kannst du dazu noch mal was verfassen?
    Im Moment stricke ich für einen Freund einen Pullover und habe einen „Musterpullover“ , der aber mit Raglanärmeln ist, also weiß ich jetzt nicht genau, wie lang ich den Ärmel bis zur Zwickelabnahme (falls das überhaupt so heißt?? 🙄 ) stricken soll.
    Vielleicht hast du da ja einen Tipp?

    Liebe Grüße,
    Ulli

  10. Christiane
    22. Dezember 2013 at 19:27

    Hallo Tina, auf der Suche nach einer einfachen Ärmelkonstruktion stieß ich auf Ihre Seite. Haben Sie vielen Dank für Ihre Fomel und knappe Erleuterung. Sie haben sich sehr große Mühe mit Ihrer Infoseite gegeben. Ich bin begeistert! Nun kann ich meinen Winterpullover beenden. Mit den Ärmeln hatte ich immer meine Probleme. Nun hat sich das Problem gelöst. Haben Sie vielen Dank. Eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit Ihnen. Mit herzliche Grüßen Christiane aus Dresden

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