Von der Kunst, einen passenden Pullover zu stricken – Teil 8: Taillierung

Einen besonders gut sitzenden Pullover bekommt man, indem man eine Taillierung einarbeitet. Das gilt nicht nur fr die schlanken Elfen unter uns, sondern genauso fr kompaktere Frauen. Eine Taille haben wir eigentlich fast alle, egal ob wir nun 50 oder 150 kg wiegen und gerade bei dickeren Frauen wirkt ein leicht tailliertes Oberteil viel hbscher als ein schlabberiger Sack. Ich hab‘ das frher auch nie geglaubt, ist aber tatschlich so. Da wir dick sind, knnen wir auch mit zeltartigen Oberteilen nicht verbergen, also warum nicht unsere Kurven betonen? Wer’s nicht glaubt, schaue sich mal die Modelle in Big Girl Knits oder More Big Girl Knits an, da sind viele tailliert, besonders die fr Frauen mit viel Bauch.

Um eine Taillierung an der richtige Stelle einzubauen, mssen wir natrlich erstmal wissen, wo unsere Taille berhaupt ist. Hierzu ziehen wir wieder irgendein Oberteil an und markieren daran die schmalste Stelle unseres Oberkrpers, am geschicktesten mit zwei Sicherheitsnadeln. Ausziehen und messen, wie weit die Sicherheitsnadeln von den Schulternhten entfernt sind. Da muss nun auch die schmalste Stelle unseres Pullovers (gilt natrlich auch fr Jacken) hin.

Hier ein Beispiel fr einen taillierten Schnitt – der Pulli (Blithe von Kim Hargreaves) ist etwa hftlang, deswegen fangen die Abnahmen fr die Taillierung gleich nach dem Bndchen an:

So sieht er dann gestrickt aus:

Wenn ich von unten stricke, nehme ich meine gewschte Gesamtlnge A und ziehe davon die eben ermittelte Entfernung Schulternaht – Taille ab; auf dieser Hhe muss ich mit allen Taillenabnahmen fertig sein.
Beispiel: Gesamtlnge 60 cm, Entfernung Schulternaht – Taille 40 cm, also muss meine Taillierung in 20 cm Hhe fertig sein.

Wie stark wir die Taillierung machen, hngt davon ab, wie ausgeprgt unsere Taille ist, unser Strickstck soll ja sanft unsere Rundungen umspielen und nicht an der Hfte schlabberweit und in der Taille grteleng sitzen (oder umgekehrt). Wir brauchen also das Verhltnis von der umfangreichsten Stelle des Oberkrpers (ausser der Brust natrlich 😀 Die umfangreichste Stelle ist meistens die Hfte. Bei mir hngt der Schwabbelbauch schwerkraftbedingt genau auf Hfthhe, das mu aber nicht immer so sein) zur schmalsten Stelle = Taille.

Beispiel: Eure dickste Stelle hat einen Umfang von 120 cm. Die Taille hat einen Umfang von 100 cm. Das bedeutet, die schmalste Stelle Eures Pullovers sollte maximal 5/6 oder 83,33% Eurer Breite B haben. Weniger nicht, sonst sitzt das Teil an der Taille enger als unten (es sei denn, das Modell ist absichtlich so geschnitten). Mehr (also z.B. 90%) ist okay, dann wird es halt nicht ganz so figurbetont. Blithe hat in der Taille sogar 95% der Gesamtbreite, ist also nur ganz sanft tailliert.

Habe ich nun fr B beispielsweise eine Maschenzahl von 110 Maschen errechnet, sind 5/6 davon rd. 92 Maschen. Ich muss also auf jeder Seite 9 x 1 Maschen abnehmen, bis ich auf meiner Taillenhhe bin.

In welcher Hhe ich mit den Abnahmen anfange, hngt davon ab, wie lang mein Pulli werden soll. Bei einen pobedeckenden Pullover muss ich spter damit anfangen als bei etwas Hftlangem, die Abnahmen fr die Taillierung sollten nach der dicksten Stelle Eures Oberkrpers beginnen. Ihr msst also noch wissen, wie weit die umfangreichste Stelle Eures Krpers von Eurer Taille entfernt ist. Nicht auf den Millimeter genau, aber ungefhr. Mit Daumen und Zeigefinger den ungefhren Abstand bemessen, langt vllig.
Soll also z.B. der Pulli 70 cm lang sein, die Taille ist 45 cm von der Schulternaht entfernt und der Abstand zur umfangreichsten Stelle ist ungefhr 15 cm, muss ich in 10 cm Hhe (70-45-15) mit den Abnahmen anfangen.

In welchen Abstnden ich die Abnahmen mache,  kann ich anhand meiner Hhen-Maschenprobe ausrechnen. Habe ich z.B. eine MaPro von 29 Maschen in der Hhe und der Abstand von der umfangreichsten Stelle bis zur Taille betrgt 15 cm, sind das 29 : 10 x 15 = 43,5, also 43-44 Reihen, die fr die Abnahmen zur Verfgung stehen.
Will ich wie beim oben genannten Beispiel insgesamt 9 x 1 M abnehmen, teile ich 43 durch 8 (9 minus 1, denn die erste Abnahme mache ich ja gleich zu Anfang und muss dann nur noch 8 x abnehmen). Sind 5,  Rest 3. Also mache ich in der 3. Reihe (gerechnet ab der Hhe, wo ich mit den Abnahmen anfangen muss, im vorgenannten Beispiel also 10 cm) die erste Abnahme und dann 8 x in jeder 5. Reihe. Will ich nur in Hinreihen abnehmen, nehme ich einfach abwechselnd in jeder 4. und 6. Reihe zu.

So, nun mssen wir die abgenommen Maschen aber auch wieder zunehmen. Damit unser Pullover nicht die Form einer Sanduhr bekommt (das sieht allenfalls an Frauen mit einer Wespentaille gut aus 😉 ), sondern eine sanfte Rundung an den Seiten hat, werden nach der letzten Abnahme 4 – 6 cm gerade hoch gestrickt – je schmaler die Taille im Verhltnis zur Hfte ist, umso weniger cm. Erst dann werden genausoviele Maschen wieder zugenommen, wie wir abgenommen haben.
Frauen, deren Brustumfang um einiges grer ist als der Hftumfang, drfen auch mehr M zunehmen, als sie abgenommen haben, mssen das dann aber bei der Tiefe des Armausschnitts bercksichtigen. Umgekehrt knnen Frauen mit viel Bauch/breiten Hften und wenig Oberweite auch weniger M zunehmen.
Der Abstand der Zunahmen kann wieder nach der Hhen-Mapro ausgerechnet werden und richtet sich danach, wieviel cm jetzt noch bis zum Beginn des Armausschnitts zu stricken sind, 3 – 4 cm vor dem Armausschnitt sollten alle Zunahmen erledigt sein.

7 comments for “Von der Kunst, einen passenden Pullover zu stricken – Teil 8: Taillierung

  1. Judith
    20. Juni 2009 at 16:41

    Danke Tina fr diese super Erklrung. Ich tu mich hiermit immer etwas schwer, aber so hrt es sich wirklich einfach an. Dankeschn

    Gru Judith

  2. Birgit
    20. Juni 2009 at 17:51

    Hallo Tina, ja auch ich mchte mich fr diese Hinweise bedanken. Sie kommen im rechten Moment – bevor ich meinen ersten Pullover anfange und tatschlich doch fast die Taille weggelassen htte aus den anschaulich geschilderten Grnden 😉
    Herzliche Gre
    BirgitK

  3. Linda
    20. Juni 2009 at 20:10

    Danke fr die wertvollen Hinweise! Dem nchsten Oberteil wird Dein Einsatz mit sicherheit zu Gute kommen.

  4. 20. Juni 2009 at 21:45

    Danke fr die Informationen.
    Und da ich gerade Blithe stricke, kann ich gut vergleichen, ob ich alles richtig gemacht habe 😉

    LG Heike

  5. 20. Juni 2009 at 22:41

    … irre, was du dir fr eine Arbeit machst – das liest sich alles sowas von spannend fr mich als Nichtpulloverstricker; vielleicht kickst du mich dadurch ja eines Tages in die Richtung ;-).

    LG; Anja

  6. Ruth
    20. Juni 2009 at 22:49

    Das mit der Taille stimmt wirklich. Ich habe meine Oberteile frher immer ohne Taille gestrickt und obwohl ich ja recht schmal bin, habe ich in selbstgestrickten Sachen immer wie ein Tnnchen gewirkt. Was dann letztlich auch der Grund fr das Ende meiner ersten Strickphase in den 80ern war.
    Und im Grunde ist ja nichts einfacher als die paar Ab- und Zunahmen, die aber unendlich viel in der Passform bringen.

    Liebe Gre

    Ruth/Berophar

  7. 21. Juni 2009 at 14:23

    in der neuen „yarnforward“ ist ein artikel darueber, wie man „darts“ einsetzen kann, der im naechsten heft weitergefuehrt wird….

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