To stash or not to stash?

Nahezu jede leidenschaftliche Strickerin besitzt einen Wollvorrat, neudenglisch Stash genannt. Bei der einen ist es ein kleiner Hügel von vielleicht 5kg, viele horten aber die zehnfache Menge und bei manch einer türmen sich wahre Wollgebirge von 200kg und mehr. Einen Stash, der aller Voraussicht nach in der verbleibenden Lebenszeit der Strickerin nicht mehr verarbeitet werden kann, nennt man SABLE (stash acquisition beyond life expectancy).

Die Menge des Stashes ist von mehreren Faktoren abhängig: Der Höhe des
Budgets für Wollkäufe, dem verfügbaren Lagerplatz und der Widerstandskraft gegenüber Versuchungen. Manchmal auch noch von der Toleranz des Lebensgefährten. (letztere ist erfahrungsgemäß größer, sofern dieser selbst einer Sammelleidenschaft verfallen ist).

Die nichtstrickende Umwelt reagiert auf unsere Wollsucht meist mit Unverständnis. Häufig gestellte Fragen sind z.B. "Was willst Du denn mit noch mehr Wolle, Du hast doch schon so viel?" "Wann willst Du das denn alles verstricken?" "Du hast doch schon grüne Wolle" Komischerweise werden diese Fragen nie einem Menschen gestellt, der schon 1500 Bücher besitzt und sich noch fünf dazukauft. Oder einem Briefmarkensammler.

Es soll sogar Strickerinnen ge-ben, die sich wegen ihres Wollvorrates schämen. Die ihre Wolleinkäufe heimlich ins Haus tragen, wenn der Göttergatte nicht da ist. Die die Menge ihres Wollvorrates verleugnen – manchmal sogar vor sich selbst…

Von Zeit zu Zeit unternimmt fast jede Stashbesitzerin verzweifelte Versuche, der wachsenden Wollberge Herr zu werden und sie startet eine Wolldiät. Sie nimmt sich vor, für eine gewisse Zeit keine Wolle zu kaufen oder doch zumindest mehr zu verstricken, als neu hinzugekauft wird. Wie jeder erzwungene Verzicht führt auch die Wolldiät zu Unzufriedenheit und schlechter Laune. Mit heimlichem Neid werden die schamlosen Wolleinkäufe von anderen Strickerinnen beäugt. Und wie bei nahezu jeder Diät ist der Erfolg nur mäßig. Dem tatsächlichen Abbau von einigen Kilogramm folgt nach Ende der Diät beinahe unweigerlich der sogenannte "Jojo-Effekt" und am Ende ist der Wollberg höher als vorher. Letztendlich also sinnlose Selbstkasteiung. Also warum tut sich das jemand an? Ein Stash ist nicht ungesund, er frisst kein Brot, er wird nicht schlecht und schadet niemandem.

Ich bin der Meinung, man kann gar nicht genug Stash haben. So lange ich Geld und Platz habe, werde ich jedes Garn kaufen, das ich haben will. Weil es mir Spaß macht. Weil eine große Auswahl der Kreativität förderlich ist. Weil ich es toll finde, eines Tages einen Karton zu öffnen und ein wunderschönes Garn wiederzuentdecken, dessen Kauf ich längst vergessen hatte. Wenn ich am Wochenende plötzlich unbedingt irgendein Modell anfangen möchte, das ich beim Durchblättern eines Strickbuchs entdeckt habe, habe ich höchstwahrscheinlich  irgendwo passende Wolle gelagert. Ich muß nicht tagelang warten, bis ich Zeit habe, ins Wollgeschäft zu gehen oder bis meine Bestellung geliefert wird. Ein Stash ist wie ein Wollgeschäft direkt bei mir zu Hause. Ich sammle Wolle, weil ich Wolle liebe. Andere sammeln Teddybären, Bierdeckel oder Ü-Ei-Figuren. Wo ist der Unterschied?

8 comments for “To stash or not to stash?

  1. Anja
    30. April 2007 am 22:50

    Jawoll, jawoll, hurra, hurra!
    So tiefe Zustimmung hab ich selten empfunden… ;)
    LG, Anja

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  2. 30. April 2007 am 23:02

    Najaaaaaaaaa – nur was tut frau wenn sie an die Grenzen der Lagerkapazität kommt? Dann hilft nur Diät um wieder lagern zu können *seufzel*, so schwers fällt.

    Mir macht die Stashdiät im Moment wirklich Spaß, denn ich finde all die Wollschätzchen wieder die ich nicht mehr wusste und diverse Ufos auch *g*. Die sollte ich schnell fertig stricken, denn naturgemäß passen die irgendwann nicht mehr. Ich denk da an den Fair: “getrennt weil zu weit – getrennt weil zu eng – getrennt weil zu weit….” *räusper*.

    Grinsegrüsse

    Bine *wer von uns 2 beiden hat eigentlich mehr Stash ;-) ?*

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  3. admin
    30. April 2007 am 23:14

    Ich schätze mal Du :-) – Erstens habt Ihr ein Haus und damit mehr Lagerplatz und zweitens kommt bei Dir noch der Spinn-Stash dazu.

    Aber noch habe ich einen ganzen Dachboden frei…

    Ufos hab’ ich immer nur so zwei bis drei und die liegen selten länger als ein Jahr, dann werden sie entweder fertig gestrickt oder aufgeribbelt.

    Ab und an trenne ich mich auch mal von Wolle, die ich eh nicht mehr verstricke, alte Ebay-Fehlkäufe und so. Letztes Jahr habe ich ein Riesenpaket für Afrika gepackt und dieses Jahr gibt’s ja die Wollpiraten *höhöhö*

    Hamstergrüße

    Tina

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  4. Angelika
    30. April 2007 am 23:31

    Hi Tina,
    ein wunderbarer Artikel – und so wahr :-) )) Erinnert mich an meine ersten Hamsterkäufe – mit dir in deinem LYS und in der HWF … inzwischen sind gut 3 m unserer deckenhohen (!) Büroschränke voll, und einige der damals gekauften Schätzchen lagern darin noch gut ab – schön, nicht???
    Lieben Gruß
    Angelika

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  5. 1. Mai 2007 am 15:10

    Ja!!! Wolle ist das fünfte Element. So wie der Fisch das Wasser, brauchen wir die Wolle. Und nicht nur ein paar Knäuelchen, sondern am besten in Hülle und Fülle. Manchmal muss ich unwillkürlich an Dagobert Duck denken, der einen ganzen Speicher voller Geld hat und sich nur richtig wohl fühlt, wenn er jeden Tag reinspringen und voller Wonne drin baden kann. So einen Speicher voller Wolle bräuchten wir auch. (Deshalb ist’s in Wollläden und in der HWF auch so schön :-) .

    Liebe Grüße,
    Mascha2

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  6. Anonymous
    1. Mai 2007 am 21:41

    Jaaaaa! Du sprichst mir aus der Seele! Mein Mann ist zum Glueck einer dieser Verstaendnisvollen (immerhin hat er “nur” 2500 Buecher mit in die Ehe gebracht, ich immerhin 500 mehr). Jede Wolldiaet endet mit einem “splurge”, wo ich noch viel mehr kaufe (“weil ich mich ja die ganze Zeit so zurueckgehalten habe”).
    Sehr schoener Beitrag!!
    Alles Liebe,
    Mara

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  7. Susel
    14. August 2008 am 22:51

    Ach, Tina, ich wühl mich grad durch deine alten Blogeinträge …. das ist so schön …. alles schläft schon hier im Haus und ich blättere gemütlich durch deine liebevollen Seiten … wie schade, dass du so weit weg wohnst! Liebes Grüßle aus dem Südwesten, Susel

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  8. 19. Februar 2011 am 13:42

    Ich bin über google hier gelandet, als ich nach “Wolle” und “Stash” gesucht habe. Beim Lesen habe ich geschmunzelt … Recht hast du. Nur bei der “Widerstandskraft gegenüber Versuchungen” musste ich Schlucken … die ist wohl auch bei mir ein Schwachpunkt.

    Schöner Beitrag. Wenn auch schon vor Jahren geschrieben – nach wie vor aktuell.

    LG, Simi

    P.S.
    Ich bin auch wollsüchtig, und das ist gut so.

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