„Russische“ Zunahmen

Heute möchte ich Euch mal eine Art der Zunahme zeigen, die Alpenfee „russische Zunahme“ nennt. Ich kenne sie als „lifted increase“, allerdings habe ich erst durch das Internet gelernt, daß das, was ich schon seit meinen Strickanfängen mache, so heißt. Bei Knittinghelp.com (Videos) nennt man sie KRL und KLL, allerdings werden dort nur rechte Maschen aus rechten Maschen zugenommen.

Alpenfee und ich haben überlegt, wie das Ding auf deutsch heißt, haben aber beide keine Ahnung. Elsebeth Lavold beschreibt sie in ihrem Buch Stricken mit Wikinger-Mustern, hat aber auch keinen speziellen Namen dafür. Bei Katharina Buss heißt sie „Zunahme aus der Masche der Vorreihe“ (wie umständlich 🙄 kein Wunder, daß ich englische Begriffe lieber mag, die sind knackig kurz), gezeigt wird aber nur eine einzige Möglichkeit, nämlich rechts nach rechts. Hanna Jaacks erwähnt sie überhaupt nicht.

Diese Zunahme ist sehr schön, weil sie unauffällig ist und auch für Brettstricker, bei denen eine Zunahme aus dem Querfaden – besonders bei unelastischem Garn – in ein ziemliches Gewürge ausartet, sehr leicht zu arbeiten.
Man kann sie nach links und nach rechts gerichtet arbeiten und sowohl rechte als auch linke Maschen zunehmen (komischerweise zeigen die meisten Lehrbücher immer nur, wie rechte Maschen zugenommen werden, warum eigentlich?).

Diese Zunahmen sind auch klasse, wenn man direkt nach bzw. vor der Randmasche zunehmen will. Im Gegensatz zu einer Zunahme aus dem Querfaden verzieht sich die Randmasche bei dieser Methode nicht. Nach der Randmasche am Anfang der Reihe nimmt man nach rechts zu, vor der Randmasche am Ende der Reihe nimmt man nach links zu. So kann man die Zunahmen genau dem Muster anpassen, z.B. bei Rippen (aus den Randmaschen direkt würde ich übrigens nie zunehmen, auch nicht durch verdoppeln, das gibt keine schöne Kante).

Bei einigen Zöpfen ist es erforderlich zwei Maschen direkt nebeneinander zunehmen. In diesem Fall arbeitet man zunächst eine nach links gerichtete Zunahme und direkt danach eine nach rechts gerichtete Zunahme.

Wir gehen die insgesamt acht verschiedenen Möglichkeiten mal nacheinander durch:

1. Eine rechte Masche aus einer rechten Masche zunehmen, nach rechts gerichtet (KRL, Video hier)

Man sticht mit der rechten Nadel von hinten in den Rechtsmaschenbogen unter der nächsten Masche ein, hebt diesen auf die linke Nadel und strickt ihn rechts ab.

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2. Eine rechte Masche aus einer rechten Masche zunehmen, nach links gerichtet (KLL, Video hier)

Man sticht mit der linken Nadel von hinten in den Rechtsmaschenbogen unter der soeben gestrickten Masche (also der zweite Rechtsmaschenbogen von oben) ein und strickt ihn rechts verschränkt ab.

Man kann auch von vorne einstechen und die Masche dann rechts abstricken, das Ergebnis ist gleich, die Maschenoperation ist aber etwas umständlicher:

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3. Eine linke Masche aus einer rechten Masche zunehmen, nach rechts gerichtet

Man sticht mit der rechten Nadel von hinten in den Rechtsmaschenbogen unter der nächsten Masche ein (siehe 1.) und strickt ihn links ab.

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4. Eine linke Masche aus einer rechten Masche zunehmen, nach links gerichtet

Man sticht mit der linken Nadel von hinten in den Rechtsmaschenbogen unter der soeben gestrickten Masche (also der zweite Rechtsmaschenbogen von oben) ein (siehe Video zu 2.) und strickt ihn links verschränkt ab.

Man kann auch von vorne einstechen (siehe erste Zeichnung zu 2.) und normal links abstricken, das Ergebnis ist gleich, die Handhabung aber etwas umständlicher.

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5. Eine rechte Masche aus einer linken Masche zunehmen, nach rechts gerichtet

Man sticht mit der rechten Nadel von unten in den Linksmaschenbogen unter der nächsten Masche ein und strickt diesen rechts verschränkt ab.

Oder man nimmt den Linksmaschenbogen von oben auf, legt ihn auf die linke Nadel und strickt ihn rechts ab – gleiches Ergebnis, aber ein bisschen umständlicher:

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6. Eine rechte Masche aus einer linken Masche zunehmen, nach links gerichtet

Man sticht mit der linken Nadel von unten in den Linksmaschenbogen unter der soeben gestrickten Masche (also der zweite Linksmaschenbogen von oben) ein und strickt ihn rechts ab (ich stricke ihn rechts verschränkt ab, ich finde, das wird schöner):

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7. Eine linke Masche aus einer linken Masche zunehmen, nach rechts gerichtet

Man sticht mit der rechten Nadel von oben in den Linksmaschenbogen unter der nächsten Masche ein (siehe 5.) und strickt ihn links ab.

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8. Eine linke Masche aus einer linken Masche zunehmen, nach links gerichtet

Man sticht mit der linken Nadel von unten in den Linksmaschenbogen unter der soeben gestrickten Masche (also der zweite Linksmaschenbogen von oben) ein (siehe 6. ) und strickt ihn links ab.

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Alle Zeichnungen aus Stricken mit Wikinger-Mustern – Elsebeth Lavold.

Und so sieht das dann aus – beidseitig der Mittellinie habe ich alle 6 Reihen jeweils nach rechts und nach links zugenommen, immer eine Masche von der Mitte entfernt:

Und so sehen links zugenommene Maschen im glatt links-Gestrick aus:

25 comments for “„Russische“ Zunahmen

  1. 3. September 2011 at 14:27

    Diese Zunahmen mache ich schon eine Ewigkeit. Die habe ich selbst mal ausprobiert und dann für gut befunden, weil sie so schön unauffällig sind. Auch auf der Strickmaschine sind die prima zu arbeiten.

  2. 3. September 2011 at 14:35

    Toll! Kannte ich noch nicht und wird gleich abgespeichert. 😀
    Vielen Dank!

    Schönes Wochenende!
    Andrea

  3. gerlinde
    3. September 2011 at 14:49

    Uiiii; danke für ‚Horizont-Erweiterung‘ – zumindest auf diesem Sektor 😉 :-).

    Muss da wohl demnächst ein paar Versuche machen – vor allem ohne Wein!!
    😉 😀

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

    N.B.: sorry, ich darf ’schon‘ (mit dem Wein); 8 Std. voraus (zumindest Zeit-mäßig 😉 !!)

  4. 3. September 2011 at 14:56

    Ganz lieben Dank für die Infos!!!
    Ich hab das früher auch mal (anscheinend doch nicht ganz so) probiert, denn das Ergebnis ist viel „löchriger“ und ungleichmäßiger geworden 🙄
    Ich werde das bei meinem Wasserwirbel Ärmel baldigst ausprobieren.
    Schönen Tag!
    Uschi

  5. 3. September 2011 at 15:24

    Das lässt sich doch sicher auch für den Daumenkeil bei Handschuhen oder für die Waden bei langen Toe-up-Strümpfen verwenden. Werde es beim nächsten Mal mal gleich ausprobieren. Danke für die ausführliche Beschreibung!
    Ein schönes Wochenende wünscht Dir Anke

  6. 3. September 2011 at 15:32

    Sehr interessant! Die verschiedenen Varianten und Namen, die es dafür gibt… Viele Namen und man meint eigentlich das Selbe, das macht es grad auch nicht leichter.
    Was ich sehr bewundere, ist wie gut du das alles beschreiben kannst. Habe grad auch versucht, jemandem zu erklären, wie eine bestimmte Häkelmasche gearbeitet wird. Seeeeeehr schwierig! Also ein ganz grosses Kompliment von mir an Dich!!!
    Liebe Grüsse
    Susann

  7. 3. September 2011 at 15:55

    aha, so heißt das also ….. ich mach das mit den Zunahmen mal so, mal aus dem Querfaden … allerdings sieht man es bei mir super-locker-Strickerin immer …

    liebe Grüße
    Manu

  8. 3. September 2011 at 16:14

    Wenn ich mich nicht schwer irre, dann nennt Cat Bordhi die Art der Einfachen-Zunahme (allerdings nur für rechte Maschen) LLinc (Left side) bzw. LRinc (Right side). Eine feine Sache u.a. beim Socken stricken.
    🙄 Socken. Da haben wir es wieder 😆
    Liebste Grüße
    Tine

  9. 3. September 2011 at 17:49

    Je nachdem, was ich stricke, mache ich diese Zunahmen. Gelernt habe ich sie aus dem Buch Stricken mit Wikingermustern, was du schon erwähnst.
    Aber es gehen ja auch Linksmaschen.

    winkeeeeeeeeeeeee

  10. 3. September 2011 at 19:47

    Danke Tina für diese tollen Beschreibungen, mir gefallen diese unsichtbaren Maschen. Die werde ich demnächst ausprobieren.

    Liebe Grüße
    Elke

  11. 3. September 2011 at 20:29

    Ja, ich mag die auch, so mache ich immer die Zwickelanfänge in meinen Hosen. In der ersten Runde die russischen Zunahmen, dann einfach weiter mit M1L und M1R.

    LG,
    Daria

  12. 4. September 2011 at 05:10

    Danke Tina. Es war doch ein ernsthafter Beitrag. Als ich die Überschrift las, war ich doch neugierig. Bei uns hatte eine Sache, die mit „russisch“ umschrieben wurde, doch mit schlechter Qualität zu tun. Aber es war bestimmt zum Schmunzeln und laut Lachen…so als „russisch“…..hmmmmmmmmmmm!
    Nun meine Liebe, schaue ich mir das nochmal an. Also ich kenne diese Zunahme, ob ich sie bei den Heften vom „verlag der Frau“ habe? Ich werde da nochmal suchen…….
    Dir noch einen schönen Sonntag und lieben Gruß
    margit

  13. Bolline
    4. September 2011 at 11:32

    „Cat Bordhi – LA-Link and La-Rink – the Paired Increases“ bei YouTube

    zusätzlich zu Tinas Super-Erklärungen zu empfehlen!

    Tolles Strickwetter heute 🙂 – es regnet – mal wieder . . . 🙄

    Liebe Grüße
    B.

  14. 4. September 2011 at 13:12

    in dem großen Strickmusterlexikon mit rd 900 Mustern wird beim Fischgratmuster die spezielle Abkürzung „1 M 1 R tiefer hinten einstechen“ verwendet (und noch genauer erklärt).
    Ob das in den originalen Harmony Guides auch so kompliziert beschrieben ist weiß ich leider nicht.

  15. 4. September 2011 at 13:16

    was es alles gibt 😉 ; diese Art des Zunehmens kann ich noch nicht – werde ich auch mal ausprobieren und danke fürs tolle Erklären;

    ab in den Garten (Sonne pur und über 30°) und weiterstricken 😉

  16. mousebears
    4. September 2011 at 14:51

    Diese Zunahmen sind auch sehr schön für die Daumenzwickelzunahmen bei Handschuhen.

  17. alpenfee
    5. September 2011 at 05:22

    😳
    Kaum kann man mal seinen Feedreader nicht abrufen, schon verpasst man alles.

    Warum heißt es bei mir russische Zunahme? Mir hat das eine liebe russlanddeutsche Oma einer Schülerin gezeigt. Das war noch vor Ravelryzeiten und diese Art der Zunahme war vollkommen neu für mich, aber wegen der Unauffälligkeit absolut klasse und bin ihr bis heute sehr dankbar.

    Es ist echt seltsam, dass wir hierfür anscheinend keinen Namen haben.
    😆 Das ist mir aber erst aufgefallen, als ich mit Tina darüber sprach.

    Könnte es sein, dass wir Deutsche Strickschriften deshalb so lieben, weil wir ausformuliert einfach keine Abkürzungen oder knackige Begriffe haben und wenn, dann sind sie länger?

    Beispiele:
    k – re
    p – li
    ok, das ist noch nicht so schlimm!

    Kommen wir aber zu der Zunahme:
    double increase – tja, da haben wir schon wieder das Problem: Wie nennen wir das auf Deutsch in Kurzform ❓

    na egal, schauen wir uns die Erklärung an:
    k in front and back of one stitch
    1 re, 1 re verschr in die gleiche Masche

    und jetzt kommts:
    kfb – das haben wir nicht. 1re, 1re verschr in gl. M –> ?? rereverglM ?? 😈 😯 👿
    kein wunder, dass wir da lieber ein kurzes knackiges Symbol in einer Strickschrift sehen wollen. 😀

  18. Fussel
    5. September 2011 at 12:38

    Tolles System, wird ich in Zukunft auch verwenden!

    Bei der Variante 2 gibt es aber in den Zeichnungen einen Widerspruch:
    Das erste Bild zeigt die aufgenommene Masche nicht wie im Text beschrieben durch Aufnehmen von hinten, sondern von vorn. Wenn man diese Masche jetzt rechts verschränkt abstricken würde, käme etwas anderes raus als auf Bild 2 gezeigt. Um das gewünschte Resultat zu erreichen, müßte man entweder wie im Text beschrieben die Masche von hinten aufnehmen oder aber die von vorn aufgenommene Masche nicht verschränkt sondern normal rechts stricken.

  19. 5. September 2011 at 12:46

    Habe ich doch geschrieben: Entweder von hinten und verschränkt oder – wie auf den Zeichnungen – von vorne und nicht verschränkt. Für die erste Methode habe ich keine Zeichungen und selber kann ich sowas nicht zeichnen 😐

  20. calanau
    5. September 2011 at 14:20

    Meine toe up Socken starte ich direkt an der Spitze mit magic cast on und nehme dann am Beginn der Nadeln 1 und 3 und am Ende von Nadel 2 und 4 zu. Und zwar eine rechts geneigte Zunahme in die zweite Masche (Nd 1+3) und eine links geneigte Zunahme in die vorletzte Masche (Nd 2+4). Das ergibt dann fast die Optik einer klassischen Bandspitze.

    Toll, dass du hier die Technik so schön beschreibt. Da werde ich gern drauf verweisen, wenn ich mal wieder erklären möchte, was ich so anstelle. Danke!

  21. 5. September 2011 at 17:43

    Nach so vielen Kommentaren (die ich gleich lese)
    Die Methode von Cat Bordhi (mit „mother“ & „grandmother“) :
    http://youtu.be/SYOYMJBGxrw

  22. Elvira
    6. September 2011 at 07:46

    Hey, diese Art zuzunehmen kommen gerade richtig für mich!
    Bei meinem Pulli muss ich immer am Rand zunehmen und kämpfe jedes Mal mit dem Querfaden, weil ich ja auch so fest stricke.
    Aber jetzt geht’s spielend, hab’s gestern getestet und für gut befunden 😛 ! Und sie sind super-unauffällig!
    Diese russischen Zunahmen werde ich mir auf alle Fälle merken!!
    Danke Tina für solche Beiträge und die super Erklärungen!

    Alles Liebe,
    Elvira

  23. Kornelia
    9. September 2011 at 14:27

    Wunderbar beschrieben – wieder was dazu gelernt!
    Aber da hätte ich noch eine Frage: Wie arbeitet man Zu- und Abnahmen bei Perlmuster? Ich hasse es, wenn man z.B. bei Kragen oder Halsausschnitt die Abnahmen so gut sehen kann (selbst wenn man sie an verschiedenen Stellen arbeitet). Wäre schön, wenn Sie dazu auch einen so tollen Tip hätten. Danke!

  24. Susel
    16. April 2014 at 09:49

    Das ist ja ulkig. Ich hatte diese Art Zunahmen schon völlig vergessen, habe das aber in meinen Strickanfängen vor 40 Jahren immer so gemacht. Aber vor lauter englischen Anleitungen hab ich das wieder vergessen und nur noch aus dem Querfaden oder per Schlinge zugenommen.

    Danke für die Erinnerung. Das werd ich jetzt wieder so machen 🙂

  25. Doris
    2. August 2014 at 18:19

    diese Art der Zunahme kannte ich bisher nicht. Sieht aber klasse aus. Das muß ich mir merken, gerade wenn man in jeder Reihe(am Rand) zunehmen muß, sieht das doch wesentlich besser aus http://tichiro.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif

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