Die verstrickte Dienstagsfrage 27/2012

Gerne streife ich nach getaner Strickarbeit (oder aufgeschobener Zusammen-Näharbeit) durch’s Netz und schaue, was andere Stricker und Strickerinnen so anstellen. Das macht riesigen Spaß und ich habe schon viel gelernt. Andererseits bin ich manchmal ziemlich ratlos über die Debatten im Netz, weil in Kommentaren und Blogeinträgen ziemlich scharf geschossen wird. Letztens traf ich eine Internet-Strickerin im echten Leben und dabei fiel das Wort der „Strick-Polizei“. Ich habe lange überlegt und tue es noch, aber gibt es das Phänomen tatsächlich? Hängt das mit dem vermaledeiten Handarbeitsunterricht zusammen, der auf den einzigen, richtigen Strickweg führen sollte? Oder haben wir einfach (noch) nicht gelernt, wie wir miteinander konstruktiv im anonymen Internet umgehen sollten?

Vielen Dank an „Praagelmam“ (und das Wollschaf) für die heutige Frage!

(Praagelmam ist friesisch und lässt sich mit „Strickmama“ übersetzen).

Klar – das Phänomen “Strickpolizei” gibt es tatsächlich. Ab und zu ist sie mir auch schon über mal den Weg gelaufen. Und regelmäßige Tichiro-Leser wissen, daß ich selbst auch gerne mal scharf schiesse, wenn mir irgendetwas nicht gefällt :wink: Ich kann aber auch das Echo vertragen. Und ich schreibe nichts, was ich nicht auch jemanden persönlich ins Gesicht sagen würde.

Mit dem Handarbeitsunterricht hat das meiner Meinung nach überhaupt nichts zu tun. Das ist einfach eine Eigenart der Menschen, viele lästern und kritisieren halt gerne – was ich auch gar nicht schlimm finde, so lange es nicht unter die Gürtellinie geht. Und im anonymen Internet ist das natürlich deutlich einfacher als im echten Leben. Viele Menschen haben ja noch nicht mal im echten Leben gelernt, konstruktiv miteinander umzugehen, warum sollte es da im Internet besser sein. Wobei in der Strickwelt noch relativ zahm und rücksichtsvoll miteinander umgegangen wird (vor allem, wenn man bedenkt, das da überwiegend Frauen aufeinander treffen), in anderen Themenbereichen geht es noch viel härter zu. Die schmeissen sich teilweise virtuelle Steine an den Kopf, wir werfen wenigstens nur mit Wollknäulen :mrgreen:

Andererseits denke ich, daß solche Zanks und Zickereien meistens viel zu ernst genommen werden, einige fühlen sich sehr schnell (und meist zu Unrecht) persönlich angegriffen und nehmen sich das Geschriebene viel zu sehr zu Herzen. Beispiel: Ich schreibe “ich finde das Strick-Ding total blöd und völlig überflüssig”. Strickerin A hat sich das Strick-Ding vor zwei Wochen gekauft und arbeitet ganz begeistert damit. Sie denkt “ich liebe das Strick-Ding. Tina findet das blöd. Also findet sie mich blöd”. Und schon ist sie sauer. Was für’n Quatsch! Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Vielleicht würde ich Strickerin A als Mensch total klasse finden, wenn ich sie kennenlernen würde. Ich mache doch Sympathie oder Antipathie nicht alleine davon abhängig, ob ich etwas blöd finde, was der andere gut findet. Und doch scheinen viele so zu denken.

Mit ein wenig mehr Gelassenheit (und Selbstbewusstsein) auf allen Seiten würden die meisten Themen gar nicht erst so hochkochen (allein schon, wenn ich an die ganzen Wollmeisen-Diskussionen denke *kopfschüttel*). Ich finde diese Zickereien einfach nur amüsant – die meisten bekomme ich ja leider gar nicht mit (wenn Ihr Links habt, immer her damit :grin: ). Klar, manchmal ärgere ich mich auch, aber das ist genauso schnell wieder vergessen, wirklich berühren tut mich das nicht. Denn seien wir doch mal ehrlich: Es geht doch um nichts wirklich wichtiges. Nur um’s stricken.

16 comments for “Die verstrickte Dienstagsfrage 27/2012

  1. Mona
    3. Juli 2012 am 19:35

    Ich halte es wie Tina, dh. das was ich schreibe, sage ich den Leuten auch direkt ins Gesicht.
    Natürlich kann nicht jeder damit umgehen, aber sorry, das ist nicht mein Problem.
    Lästern war noch nie “meins” und ich habe mich mein Leben lang aus solchen Aktion nach Möglichkeit “rausgehalten”.
    Ich mag Tina, trotzdem finde ich nicht all ihre Entwürfe “toll”, aber das eine hat mit dem anderen nicht zu tun.
    LG Mona

  2. Amanda
    3. Juli 2012 am 20:13

    Die Strickpolizei habe ich noch nicht getroffen (wo treibt die sich rum und was genau macht sie?), wohl aber zickige Communities, denen ich in der Regel schnell den Rücken kehre, weil mir dafür meine Zeit zu schade ist. Ich meine damit nicht konstruktive Auseinandersetzungen, in denen verschiedene Standpunkte zu Wort kommen, das finde ich oft anregend oder zumindest interessant. In vielen Foren wird aber anscheinend um des Streitens willen gepostet, vor allem in zankaffinen Bereichen wie Sport und Politik, wo die Diskussion schnell mal unter die Gürtellinie geht. Da habe ich immer den Verdacht, daß diese Leute etwas kompensieren müssen, womit sie im “wirklichen” Leben nicht klar kommen, aber das ist ein anderes Thema. Der Diskussionsstil hier ist mir auch z.T. zu sehr mit persönlichen Angriffen durchzogen.
    Tina, dein Beispiel mit dem Strickding ist interessant, ich würde es aber ein bißchen anders interpretieren. Du vertrittst hier ja deine Meinung als Expertin und wirst für deine Fachkenntnisse geschätzt. Man sieht in den meisten Kommentaren auch, daß viele Leser deiner Meinung folgen. Jemand, der nicht ganz so erfahren oder sich seiner Sache nicht ganz so sicher ist, könnte sich leicht dumm vorkommen, wenn du eine Sache vernichtend kritisierst, die diese Person eigentlich gut fand – auch wenn du es gar nicht böse meinst.
    Was andere Strickerinnen so anstellen, sehe ich mir immer gerne an, auch wenn ich nicht so viel Zeit für solche Streifzüge habe. Ich bin immer total begeistert und beeindruckt von der unerschöpflichen Kreativität der Strick-Community, auch wenn ich nicht alle “Werke” gut finde.
    Oops, ein bißchen lang geworden – aber das ist auch ein weites Feld…

    Cheers,
    Amanda

  3. Martina aus W.
    3. Juli 2012 am 20:35

    Ich kenne den Begriff nur in dem Zuammenhang, dass man es NICHT zu eng sehen soll. “Es gibt keine Strickpolizei – macht was ihr wollt!” Die Einstellung finde ich sehr erfrischend. Schlimmstenfalls ribbelt man.
    LG Martina

  4. Mona NicLeoid
    3. Juli 2012 am 21:57

    Ich sehe das ähnlich wie du, Tina. Ich bin seit fast 20 Jahren im Internet unterwegs, und fast überall geht es ruppiger, direkter oder sarkastischer zu als ausgerechnet in der Strickszene ;)

    Meiner Meinung nach sollte man darauf achten, sich nicht zu schnell persönlich angegriffen oder emotional involviert zu fühlen. Ich bin z.B. viel auf akademischen Mailinglisten (ja, so was gibt es noch) unterwegs, dort geht es großteils ziemlich sachlich zu und es wird auch recht energisch diskutiert, da erntet man mit Herumjammern oder Schmollen höchstens ein paar zynische Kommentare.

    Schwierig wird es meinem Eindruck nach vor allem dann, wenn Leute mit sehr unterschiedlichen Interneterfahrungen aufeinandertreffen – und gerade beim Thema Stricken sieht man oft Leute, die sonst anscheinend nicht so viel im Netz unterwegs sind und gerade ihre ersten Gehversuche in Foren, Blogs usw machen. Da kann es schon mal sein, dass man einander im Tonfall komplett missversteht oder aneinander vorbei redet.

  5. 4. Juli 2012 am 10:15

    huhu tina,

    recht hast du! ich kann mich dem komplett so anschliessen.

    sonnige grüße, sandra

  6. 4. Juli 2012 am 11:45

    Du sprichst mir aus dem Herzen, Tina. Wieso sollte man sich von jemandem den man nicht mal persönlich kennt und der nicht meinen Geschmack hat beleidigt fühlen, nur weil er nicht meinen Geschmack hat.

    Ich finde es toll was du alles so schreibst und lese deinen Blog gerne. Aber inhaltlich bin ich oft ganz anderer Meinung. Was du z.B. schön findest, finde ich scheußlich und umgekehrt…
    Ich teile weder deine Meinung über manche Stricktechniken und wie Gestricktes aussehen sollte. Ich mag unordentlich ungleichmäßige wilde Dinge und bin kein Fan von deinen historischen Pattern. Aber ich finde es unglaublich spannend diese Sicht nahegebracht zu bekommen und das warum zu verstehen… Ich liebe den Begriff “Tamponwolle”, Danke für die Bereicherung meines Wortschatzes.

    Ich mag diesen Unterschied unter Strickern. Ich bin begeistert davon, dass jemand strickt. Egal wie ich das Gestrickte dann finde.

    Aber na gut, ich habe dich ja auch schon einmal im wirklichen Leben gesehen (ravelry-Treffen Frechen), vielleicht disqualifiziert das ja meine Toleranz deiner anderen Meinung gegenüber, weil ich sie dadurch einem Menschen aus Fleisch und Blut zuordnen kann ;-)

  7. 4. Juli 2012 am 11:49

    Ich achte nicht so im Netz, bzw. schaue wenig Forums an.
    Aber die “man” macht es “so” und “nur so” ist hier in der Schweiz sehr lebendig – man hat immer diesen Anspruch auf Perfektion und ich höre immer und immer wieder, das könnte ich nicht, ach, ich habe zwar stricken in der Schule gelernt aber das kann ich sicher nicht so gut/schön/perfekt und dann macht man lieber gar nichts… oder komische Basteleien, die immer wieder mal Mode sind und total kitschig aussehen, oder 20 verschiedene sehr perfekte Guetzlisorten zu Weihnachten, damit “man” tüchtig aussieht.
    Mal hat uns sogar eine Frau erklärt, man “müsse” die Schuhe genau “so herum” an die Wand vor der Wohnungstür stellen… keine Ahnung wieso!

  8. geri
    4. Juli 2012 am 11:49

    hallo, heute möchte ich auch mal meinen senf dazugeben:
    wenn ich auf beginnende streitereien oder heftige diskussionen im internet stosse, dann klicke ich einfach ganz schnell weg, damit ich mich mit diesen themen gar nicht erst befasse. meistens ist es sowieso völlig belangloses zeug, was nicht heisst, dass man sich nicht trotzdem darüber aufregen könnte. aber reichlich streiten und diskutieren kann ich wenn mir der sinn danach steht im realen leben, mit familie, freunden, kollegen… das ist doch völlig ausreichend. wenn ich hier am pc sitze, dann möchte ich mich einfach mal entspannen, nicht zugequatscht werden, mich mit meinen lieblingshobbys stricken und nähen befassen und schöne dinge genießen.
    in diesem sinne: frohes schaffen!!! geri ;-)

  9. 4. Juli 2012 am 11:52

    @ Undekagon: Ah, warst Du nicht die in grün, die ich fotografiert habe, weil ich Dein Outfit so cool fand?

    Du hast es genau erfasst: Nur weil man unterschiedliche Geschmäcker und Meinungen hat, heißt das ja nicht, daß man sich nicht mögen kann :-)

  10. 4. Juli 2012 am 11:56

    @ MelD:
    >Mal hat uns sogar eine Frau erklärt, man “müsse? die Schuhe genau “so >herum? an die Wand vor der Wohnungstür stellen… keine Ahnung wieso!

    *kicher* Nee, ne? Die Frau würde bei mir ja verrückt werden, meine Schuhe fliegen nach dem Ausziehen völlig ungeordnet im Flur rum :-)
    Ob jetzt demnächst die Schuhpolizei bei mir vor der Tür steht? :mrgreen:

  11. TineSa
    4. Juli 2012 am 20:35

    Glaube das mit den Streitereien hängt auch damit zusammen dass man im geschriebenen Wort nicht erkennt wie man es gesagt hätte bei einer mündlichen Unterhaltung. Nachdem der Inhalt einer gesprochenen Botschaft nur wenig zählt und die Körpersprache und die Betonung viel mehr Bedeutung hat missversteht man sich viel schneller.

  12. 4. Juli 2012 am 22:12

    Heikles Thema. Von Peru aus war ich ja der Ansicht, in Dtld sei alles schöner und besser. Und hier stelle ich mit Erstaunen fest, was für ein rüder Ton oft im täglichen Umgang herrscht. Mir fällt es vor allem im Straßenverkehr auf: Was da an Beschimpfungen und üblen Gesten fällt, gibt es auf keinem Schiff. Klinge ich jetzt wie eine tatterige Alte, wenn ich schreibe, dass ich das schrecklich finde? Und noch dööfer, wenn ich schreibe, dass es so ansteckend ist? Friedfertige Grüße, Petra
    P.S. Im Internet gebe ich zwar auch gerne meinen Senf dazu (mittelscharf), aber wo ich mich Streitereien entziehen kann, tue ich es.

  13. 5. Juli 2012 am 10:46

    Einspruch: Stricken IST etwas Wichtiges *zwinker*

    Ansonsten simmt ich dir voll und ganz zu!!! Klasse Eintrag :-)

    Liebe Grüße
    Ricarda

  14. smarty
    5. Juli 2012 am 12:29

    Hallo, Tina und alle anderen!

    Ja, ich stimme dem voll zu, dass man gerade die geschriebenen Worte, besonders im virtuellen Netz, nicht alle auf die Goldwaage legen sollte.

    Am eigenen Leib habe ich ganz böse Bösartigkeiten unterstellt bekommen, weil ich einen für mich ganz normalen, sachlichen Satz per Mail an eine “leibhaftige”, reale Freundin schrieb, die diesen dann völlig missverstand und mir Monate später in einem persönlichen Gespräch übelst bösartig auslegte und mir an den Kopf knallte… :-/
    Wieviel schlimmer sind dann noch Kommunikationen von Menschen, die man noch nie nicht live gesehen hat? Da kann man in den geschriebenen Satz nicht mal eine bekannte Körpersprache oder Ausdrucksweise hineininterpretieren, wie eben bei bekannten Menschen, die man auch persönlich kennt.

    Sicher muss man da arg aufpassen und Dinge nicht persönlich nehmen, wie Du, Tina, beispielsweise ja auch eines meiner Lieblingsbeispiele mit dem “Strickding” aufgreifst. Wenn jemand schreibt, “das Ding finde ich doof”, heißt das ja nicht, dass er mich doof findet, obwohl ich das Ding vielleicht mag. Da gebe ich Dir absolut recht.

    Wenn allerdings dasteht (ich zitiere!):
    “Gibt es tatsächlich Leute, die zu blöd/intellektuell nicht in der Lage sind, richtig stricken zu lernen?”
    (sorry, ich kann das mit dem Durchstreichen nicht!),
    dann wirds meines Erachtens schon persönlich, und die ein oder andere, die eben so’n Ding besitzt, fühlt sich eben doch persönlich angegriffen…

    Aber ich will hier beim besten Willen nicht die alte Suppe aufwärmen, das hat sich ja eh längst erledigt;
    ich stimme Dir ja auch in diesem Post tatsächlich zu, mag nicht Polizei sein und auch nicht von der Polizei verfolgt werden, aber das konnte ich mir nun doch nicht verkneifen ;-)

    Viele Grüße, smarty :-)

  15. 5. Juli 2012 am 12:40

    Okay, okay, Du hast mit dem letzten Beispiel ja irgendwo recht…
    Ich werde mich in Zukunft bemühen, keine gehässigen Bemerkungen die Intelligenz anderer betreffend mehr zu machen :-)

    Liebe Grüße
    Tina
    *ich weiß, manchmal bin ich ein arrogantes Miststück ;-) *

  16. 6. Juli 2012 am 19:54

    Ich finde die Strickblogs eigentlich auch erfrischend freundlich, tolerant und trollfrei – wahrscheinlich, weil alle wissen, wie viel Arbeit auch hinter Strickstücken steckt, die man selbst häßlich/mißlungen findet (der Aufwand ist ja der Gleiche wie für subjektiv Schöne/Gelungene Sachen) und daher bei nicht-gefallen meistens eher lieber nichts sagen. Oder mit konstruktiver Kritik kommen (z. B. Wollsorte schluckt Muster, nächstes Mal würde ich zu anderer Technik raten, etc)
    Und das gefällt mir sehr sehr gut!

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