Was ist eigentlich…das “Standard Yarn Weight System”?

Wer sich schon mal mit englischsprachigen Anleitungen befasst hat, ist sicherlich auch schon mal über Begriffe wie “DK” oder “worsted weight yarn” gestolpert. Aber was ist das eigentlich und wozu soll das gut sein?

In den USA gibt es das sogenannte “Standard Yarn Weight System“, entwickelt vom “Craft Yarn Council of America”, einem US-Industrieverband. Mit diesem System wird die Dicke eines Garnes standartisiert und Garne werden somit leichter vergleichbar und ersetzbar:

Wir hier im deutschsprachigen Raum sind es gewohnt, die Stärke eines Garns anhand der Lauflänge abzuschätzen. Was eigentlich ziemlich blödsinnig ist, denn je nach Material und Zwirnung können zwei Garne mit identischer Lauflänge eine ganz unterschiedliche Dicke und somit auch völlig unterschiedliche Maschenproben haben. Ein Baumwollgarn mit 130 m Lauflänge auf 50 m ist z.B. deutlich dünner als ein Kaschmirgarn mit der gleichen Lauflänge. Klar, Baumwolle hat ja auch ein viel höheres spezifisches Gewicht. Von daher würde die beiden Garne in unserem Beispiel (für ein gleich dichtes Gestrick) komplett unterschiedliche Maschenproben erfordern, müssten demzufolge mit ganz verschiedenen Nadelstärken verstrickt werden. Wer glaubt, daß er jedes Garn durch ein anderes mit gleicher Lauflänge ersetzen kann, kann damit ganz bös auf die Nase fallen.
An den auf der Banderole empfohlenen Nadelstärken bzw. angegeben Maschenproben kann man sich auch nicht wirklich orientieren, da jeder Hersteller eine andere Strickfestigkeit bevorzugt. Zwei identische Garne würden z.B. bei einem Hersteller, der auf ein extrem lockeres Gestrick setzt, eine ganz andere Nadelstärkenempfehlung erhalten als bei einem Hersteller, dessen Designabteilung festeres Gestrick schön findet.

Das Standard Yarn Weight System hat da einen ganz anderen und meiner Meinung nach viel sinnvolleren Ansatz. Es unterteilt die Garne nach deren tatsächlicher Dicke (“weight” hat hier nicht direkt etwas mit Gewicht zu tun). Wenn Ihr die Tabelle betrachtet seht Ihr, daß jeder Garnstärke ein Maschenzahlenbereich auf 10 cm (4 inches, also genau genommen 10,16 cm) sowie ein empfohlener Nadelstärkenbereich zugeordnet ist. Das macht es sehr leicht, ein Garn durch ein anderes zu ersetzen, denn zwei DK weight-Garne sind immer (mit winzigen Abweichungen) gleich dick, egal aus welchem Material sie bestehen und wie sie verzwirnt sind.

Aber wie stellt man nun fest, ob ein Garn fingering, DK oder bulky ist, wenn es nicht auf der Banderole angegeben ist? Hierfür gibt es die “wraps per inch (WPI)”-Methode. Dabei wickelt man das Garn gleichmäßig um ein Lineal. Nicht zu locker, aber auch nicht überdehnt. Die einzelnen Wicklungen werden so zusammengeschoben, daß sie glatt und lückenlos nebeneinander liegen. Nun kann man zählen, wieviele Wicklungen auf einen Zoll/inch, also 2,54 cm kommen. Je mehr Wicklungen, desto dünner das Garn. In einer Tabelle (hier die von Ravelry, dort ist das System noch etwas differenzierter) kann man dann ablesen, in welche Kategorie das Garn gehört:

Eine praktische Anwendung für die ganze Sache ist z.B. der Ersatz eines in einer englischen Anleitung verwendeten Garns, das es hier nicht zu kaufen gibt. Dazu schaut man einfach bei Ravelry in der Garn-Datenbank nach, welche Stärke das Garn hat. Nun kann man die Datenbank nach allen Garnen mit gleicher Stärke filtern, ggf. auch nach gleicher oder ähnlicher Materialzusammensetzung. Und bekommt als Ergebnis alle Garne, die ohne weiteren Umrechenaufwand als Ersatzgarne taugen. Die Wahrscheinlichkeit, daß dabei auch Garne sind, die wir hier problemlos kaufen, können ist ziemlich hoch. Und wenn nicht, geht Ihr das nächste Mal mit einem Lineal ins Wollgeschäft :wink:

26 comments for “Was ist eigentlich…das “Standard Yarn Weight System”?

  1. nadelpoesie
    1. August 2012 am 20:30

    Danke für Deine Ausführungen.

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  2. 1. August 2012 am 20:31

    Irgendwie fehlte die Hälfte meines Kommi :shock: Ich wollte noch sagen, wie toll ich es finde, das Du Dir immer so viel Mühe machst, uns die Strickfeinheiten zu erklären. (hoffentlich ist nun alles da…)

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  3. 1. August 2012 am 20:37

    Ich verstricke aber meine Sockenwolle mit 2mm Nadeln und 34 Maschen auf 10 cm – nach der Tabelle müßte ich dann die Sockenwolle aber als “lace” bezeichnen…. Gerade die Nadelstärkenangaben finde ich nicht so sinnvoll, da jede(r) auch unterschiedlich fest strickt.

    Wenn ich nach einem Ersatzgarn suche, schaue ich nach einem Garn in ähnlicher Zusammensetzung und ähnlicher Lauflänge. Ein Wollgarn ersetze ich also nicht durch ein Baumwollgarn mit der gleichen Lauflänge. Letztendlich geht es darum, ein Garn zu finden daß die geforderte Maschenprobe liefert und das Gestrick von der Festigkeit her der Strickerin/dem Stricker gefällt.

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  4. 1. August 2012 am 20:44

    Grundsätzlich gebe ich Dir recht, ich würde auch in allen Kategorien ein festeres Gestrick bevorzugen. Ich finde auch in fast allen Anleitungen das Gestrick zu locker, müsste also immer ein viel dickeres Garn verwenden, wenn ich mit der gleichenMapro arbeiten will.
    Da nützt es mir dann aber auch nichts, wenn ich nach einem Garn mit ähnlicher Zusammensetzung und Lauflänge suche, denn das wäre mir ja auch zu locker verstrickt.
    Aber ich denke, die Maschenzahlen in der Tabelle berücksichtigen die durchschnittliche bevorzugte Strickfestigkeit.

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  5. 1. August 2012 am 22:08

    Wow, vielen Dank für den Post. Damit hast du mir echt geholfen. Gestern ist bei mit ein us-amerikanisches Strickbuch (endlich) angekommen und recht weit vorne ist genau so eine Tabelle. In etwa hab ich zwar erfasst, was es damit auf sich hat. Jetzt weiß ich mehr! :-)

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  6. 1. August 2012 am 22:40

    Huhu Tina,

    das klappt hervorragend. Ich hatte das Thema gerade erst im Frühjahr in meinem VHS-Strickkurs. Die Teilnehmerinnen hatten die Frage gestellt, wie man Garn, das keine Bandarole mehr hat, einordnen und so herausfinden kann, welche Lauflänge und welche Nadelstärke hier vertreten sind. Dass man damit auch herausfinden kann, wieviel Garn man für einen Pullover braucht, fanden sie großartig.

    Sie haben es ausprobiert und waren damit erfolgreich. Die Näherungswerte stimmten generell und haben genau das berücksichtigt, was meine Tante immer sagte: Lieber etwas zu viel Garn als zu wenig.

    LG Ricarda.

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  7. Istumar
    1. August 2012 am 23:21

    Sooooo kann ich das endlich auch verstehen, danke dafür.

    LG istumar

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  8. 2. August 2012 am 08:28

    Vielen Dank für die tolle Erklährung, ich hab da schon des öfteren auf dem Schlauch gestanden. Aber nu weiß ich auch was mit WPI genau gemeint ist^^

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  9. Adele
    2. August 2012 am 09:23

    Danke – jetzt bin ich um einiges schlauer. Ich sags ja immer: Man wird alt wie ne Kuh und lernt immer dazu.
    Schönen Tag noch
    Adele

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  10. 2. August 2012 am 09:24

    Seit ich die WPI Methode kenne, finde ich sie auch ungemein viel praktischer und sinnvoller als das, was man auf deutschen Banderolen so findet. Mein handgesponnenes Garn vermesse ich auch per WPI und den Rest hole ich mir dann aus Tabellen. Viel einfacher, als die Lauflänge auf das Gewicht etc zu rechnen.

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  11. 2. August 2012 am 09:38

    huhu tina,

    tausend dank für die super erklärung und den hinweis auf die ravelry datenbank, welche bis eben noch gar net kannte.
    ich hatte erst neulich den fall, dass das angebene garn hier in deutschland net zu bekommen ist und hab ewig hin und her überlegt, wie ich das problem löse und hab gesucht, verglichen, probegestrickt bis ich eine passende alternative hatte.

    das nächste mal dann versuchsweise direkt das hier vorgestellte system!

    sonnigen gruss, sandra

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  12. 2. August 2012 am 11:01

    Super erklärt! Jetzt werde ich den WPIs auch mehr Beachtung schenken! :smile:

    LG Andrea

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  13. Svenja
    2. August 2012 am 11:24

    Danke Tina! Du hast mal wieder viele Fragezeichen in meinem Kopf aufgelöst! :-)

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  14. 2. August 2012 am 13:25

    Ich bin ja unheimlich dankbar, dass ich vor einiger Zeit die sehr, sehr tolle Einteilung der Garnstärken entdeckt habe. Das ist soooo praktisch und die Garndatenbank von Ravelry ist echt Gold wert. Macht es so viel einfacher das passende Garn zu finden!!

    Die angegebenen Nadelstärken sind meist ein Witz! Ich stricke sowieso etwas lockerer und da hätte ich meist Netzstrukturen, wenn ich die angegebene Nadelstärke verwenden würde. Ich weiß nicht was sich die Hersteller da eigentlich denken. Wer mag schon so Lockerstrick??

    LG Bettina

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  15. JO
    2. August 2012 am 14:03

    Da ist aber ein Denkfehler in deiner Erklärung. (3. Satz…) Die Lauflänge wird immer angegeben Meter pro 50g oder 100g. Und Lauflänge von z.B. 100m sind eben 100 Meter, ob nun Baumwolle oder Seide; der Unterschied ist eben das 100m einmal 50g wiegen und das andere Mal (bei der Seide z.B.) nur 5g. Daraus kann man folgern, dass 100Meter Baumwolle mit dem Gewicht 50g eben viel stärker im Faden ist, und Seide mit 100m Länge ,aber nur 5g Gewicht einen sehr feinen Faden hat.
    Die Angabe der Nadelstärken ist in der Tat nur eine Empfehlung, denn je nachdem ,wie jeder strickt,ob fester oder lockerer und wie man das Gestrick haben möchte,”Brett” oder”Netz” wählt er die Nadeln.

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  16. 2. August 2012 am 14:14

    Nein, der Denkfehler ist jetzt bei Dir :-)

    Wir gehen von einem fixen Gewicht aus, nämlich 50 g. Die Lauflänge ist in meinem Beispiel die Gleiche, nämlich 130 m, also auch ein fixer Wert.
    Ergo: Der Baumwollfaden ist dünner.

    Oder anders herum: Bei gleicher Fadenstärke und gleichem Gewicht ist ein Baumwollfaden deutlich kürzer als ein Seidenfaden.

    Oder noch anders: Bei gleicher Fadenstärke und gleicher Länge wiegt ein Baumwollfaden mehr als der Seidenfaden.

    Kommt immer darauf an, von welchem beiden Fixwerten man ausgeht.

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  17. Chaluda
    2. August 2012 am 14:54

    Der Beitrag war jetzt für mich, oder? ;-)
    Später werde ich nochmals ausführlicher verlinken, aber vielen Dank für diesen Beitrag.
    Seitdem ich Eure Bloggs lese, habe ich mein Strickwissen erheblich erweitert und stricke schöner und besser (Aber Maschenproben wasche ich trotzdem noch nicht…………), wenn auch momentan soooooooooo unglaublich LANGSAM :-( (zwei Monate für einen Sommerpulli)
    vielen Dank dafür!!!!!
    wollige Grüße aus Köln

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  18. TineSa
    2. August 2012 am 15:50

    Und wie dick ist das “Standardlineal”? Ich habe verschiedene Lineale die verschieden dick sind, also auch die Anzahl der Umwickelungen variiert. Das ist mein Problem mit den Wpi, sonst ein tolles System.

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  19. 2. August 2012 am 16:05

    Das ist doch völlig wurscht, Du kannst das Garn theoretisch auch um einen Baum wickeln, es kommt doch nur auf die Breite des Fadens an :-D
    Wenn der Faden 1 mm breit ist, hast Du auf 1 inch immer 25,4 Wicklungen, ob Du das Garn nun um eine Stricknadel oder um den Erdball wickelst. Bei letzterem brauchst Du bloß viel mehr Garn ;-)

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  20. Daniela
    2. August 2012 am 17:50

    Diese Tabellen sind echt praktisch, und ich finde es toll, daß du sie vorstellst, besonders für Nicht-Raveler.

    Was mich angeht: Ich nehme idR für ein Projekt das Garn, das mir dafür gefällt, meistens sehr viel dünneres. Und dann rechne ich um, zeichne mir manchmal ganze Musterpartien neu, teile Muster neu auf und ein, kurzum: Ich ziehe einen Teil des Strickvergnügens schon aus diesen Vorarbeiten, und wenn’s dann hinterher noch so aufgeht, wie ich mir das vorgestellt habe, bin ich glücklich und zufrieden…

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  21. TineSa
    2. August 2012 am 19:11

    Eieiei, logisch Denken für Anfänger… :-)

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  22. Moni
    2. August 2012 am 19:36

    Vielen Dank für die super Erklärungen, jetzt kann ich auch was damit anfangen:-) Habe da vorher nicht so durchgeblickt!
    Ich habe auch viel gelernt seit ich Deinen Blog lese, liebe Tina!
    Es macht echt Spaß hier zu verweilen und zu lesen, was es Neues gibt!
    LG Moni

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  23. Mona NicLeoid
    2. August 2012 am 21:25

    Ich stricke auch relativ locker und brauche daher kleinere Nadelstärken als durchschnittlich angegeben. Bei manchen Herstellern auch *deutlich* kleinere Nadelstärken als angegeben. Trotzdem sind die Zahlen auf den Etiketten ganz nützlich zur Orientierung. Mit der Zeit lernt man ja, wie weit man da abweicht, und irgendwann sieht bzw. fühlt man es dem Garn selber auch schon an, was man da ungefähr für eine Nadelstärke brauchen wird.

    Was mich allerdings immer wieder verwundert, ist, dass manche Hersteller Maschenproben angeben, die meiner Meinung nach zu ausleiernden Netzhemden führen. Mit was für einer Nadelstärke man ein Gestrick produziert, ist ja eigentlich wurscht (deshalb finde ich es auch immer so lustig, wenn Leute ins Wollgeschäft kommen und sagen “ich hätte gern was für Nadelstärke 3″ – ich würde wahnsinnig werden, wenn ich da arbeiten würde ;) ), aber das Gestrick an sich sollte doch einigermaßen benutzungstauglich sein.

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  24. 3. August 2012 am 20:55

    Achtung – die amerikanischen und die britischen Bezeichnungen stimmen bei weitem nicht immer überein!! Da werden die “weights” anders verstanden…

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  25. 3. August 2012 am 22:47

    Jedes System hat seine Vor- und Nachteile, wobei die “Weights” dem Ideal schon sehr nahe kommen.
    Die WPIs überzeugen mich nicht. Bei Garn, das sich wenig dehnt, wie Baumwolle , Seide oder Dochtgarn, kommt das noch halbwegs hin. Bei “Gummimerino” und stärker gezwirntem Garn gibt es ziemlich Abweichung. Ich habe auch einmal in einem Kurs wickeln lassen, jede hatte ein anderes Ergebnis, und zwar umso ungenauer, je dünner das Garn. Bei Lacegarnen waren die Unterschiede gewaltig.

    Zum Glück hat man aber mit den Angaben halbwegs Anhaltspunkte und mit der Zeit entwickelt man auch Erfahrung, die einen die Werte richtig einordnen lassen.

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  26. Petra
    9. Februar 2013 am 14:46

    Vielen Dank für Deine tolle Erklärung. Ich bin seit kurzem Mitglied der Ravelry community und plage mit sehr mit den englischen Begriffen, sowohl in der Garnbeschreibung, als auch mit den englischen Strickschriften. Häufig muss man ja die englischen Garne ersetzen, da sie in unseren Wollgeschäften nicht erhältlich sind. Natürlich geht bestellen über das Internet. Ich möchte jedoch das kleine Wollgeschäft bei mir um die Ecke unterstützen. Da ist die Ravelry-Datenbank ein richtiges Eldorado. Also moch einmal vielen Dank für Deine Erklärung.

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