Leserfrage: Französische Schulter?

Katharina P. fragt:

In der neuesten Ausgabe von Brooklyn Tweed, die du neulich vorgestellt hast und die ich wirklich sehr gelungen finde, ist ein gestreifter Pullover abgebildet. Dieser hat etwas, das ihn von vielen anderen unterscheidet, nämlich eine französische Schulter, d. h. eine nach hinten verlagerte Schulternaht. Für industriell hergestellte Strickwaren ist das nichts Ungewöhnliches. Für Handstricker scheint es das aber schon zu sein. Ich habe nämlich trotz längerer Suche nicht ein Muster mit dieser Schultervariante gefunden. Weisst du eventuell mehr über diese Art, eine Schulter zu stricken? Vielleicht auch wie man sie richtig für einen Männerpullover berechnet und welche Vorteile sie hat?

Ich muss gestehen, daß ich noch nie im Leben etwas von einer französischen Schulter gehört habe und mir diese nach hinten verlagerte Schulternaht auch noch nie bewusst über den Weg gelaufen ist. Auch Google liefert kaum Ergebnisse. Auf dieser Seite findet man eine Herren-Strickjacke mit französischer Schulter, diese soll angeblich die Passform verbessern.

Im Lookbook gibt es eine Schnittzeichnung zu dieser Schultervariante:

Ich habe alle einschlägigen Technikbücher gewälzt, aber diese Schultervariante habe ich nirgends gefunden.

Deswegen gebe ich die Frage an die versammelte Intelligenz meiner Leserschaft weiter. Wisst Ihr mehr über die französische Schulter? Hat die vielleicht noch eine andere Bezeichnung?

30 comments for “Leserfrage: Französische Schulter?

  1. 11. September 2012 am 19:28

    Ich kenne den Begriff französische Schulter nicht, für mich ist das schlicht und einfach eine nach hinten verlegte Schulternaht. Oder anders gesagt: ein Goller, das vorne angestrickt ist.
    Diese Schulterlösung kenn ich von maschinengestrickten Pullovern, wo sie wohl technisch die einfachere Lösung ist, vermute ich zumindest.

    Warum die Passform damit besser sein soll, ist mir schleierhaft. Die hängt von der richtigen Schulterschrägung ab und die muss dafür nicht verlegt sein.

    Von daher bin auch ich gespannt, ob wer mehr darüber weiss.

    Liebe Grüsse
    Alpi

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  2. 11. September 2012 am 19:34

    Ich finde den Pulli auch durch die Schultervariante sehr gelungen.
    So weit ich weiß, wird die nach hintengezogene Schulternaht verwendet um zu erreichen, daß das Strickstück sich an der Schulter schöner anlegt und keine Naht aufträgt.
    Ein Strickmuster damit habe ich bisher auch noch nicht gesehen, aber bei ravelry hatte eine Strickerin mal gezeigt, wie sie einen vorhandenen Pulli mit so einem Schnitt nachgestrickt hat.

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  3. arielle
    11. September 2012 am 19:42

    Der Pulli war mir wegen der schönen Schulterlösung auch aufgefallen.
    Einige meiner Kaufpullis (jaaa, habe ich, und es sind die von einer teuren Marke, die) haben diese verlegte Schulter, ein Sommerpulli hat die Naht sogar als Schmuckelement nach vorne verlegt.

    Die Schulter legt sich tatsächlich sehr gut an, und es gibt keine Naht “obendrauf”, wie Ghislaine-knits schon bemerkt hat.

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  4. Karin
    11. September 2012 am 20:01

    Martina Behm hat im Frühling die “Cria” von Ysolda Teague nachgestrickt. Und die Schulterlösung entspricht wohl am ehesten der so genannten französichen Schulter. Die Bilder sprechen für sich: das Teil sitzt einfach super duper.

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  5. arielle
    11. September 2012 am 20:02

    just found:
    http://intothewool.wordpress.com/2012/06/05/its-all-in-the-details/

    Das Ganze nennt sich in Englisch “full-fashioned shoulder shaping”. Im obigen Link wird auch erklärt, was es für die Schulterlinie bringt.

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  6. 11. September 2012 am 20:10

    Oh, dankeschön!
    Was ein Y doch ausmachen kann :-)
    Ich habe nach fully-fashioned shoulder shaping gesucht, weil das so im Lookbook stand und nichts Brauchbares gefunden.

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  7. Karin
    11. September 2012 am 20:27

    Kannte ich noch nicht für Handstrick und ganz ehrlich ich finds hässlich ;-)
    Sorry.
    Gut funzt das meiner Meinung nach nur bei relativ geraden Schultern. Bei Hängeschultern hat man mit nem gerade angetrickten bzw. verlängerten Streifen an der Schulter zuviel “Material”. Könnte man auch in verkürzten Reihen arbeiten klar
    Für meine Optik hat das immer ein wenig was von Ausschnitt zu groß und nach hinten gerutscht, auch wenns gar nicht zutrifft.
    Ne ich bleib da lieber bei klassisch, und mit Maschenstich hätte man auch keine Naht, oder sehe ich das falsch?

    Der Pulli an sich gefällt mir schon, aber ich finde sowieso, dass die Schulter zu breit an diesem Modell sitzt.
    Aber ist vermutlich alles Geschmackssache

    Karin

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  8. Lilcat
    11. September 2012 am 21:20

    Hallo zusammen! Vor einiger Zeit habe ich die “Reine” von BT gestrickt; dort gibt es ebenfalls eine nach hinten verlegte Schulternaht. Für meine ein wenig nach vorn abfallende Schultern ideal! Werde ich mir merken …

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  9. 11. September 2012 am 21:25

    Ich kenne diese Schulterform nur von gekauften Männerpullovern und da wird/wurde mir diese Form als “englische Schulter” verkauft. Vielleicht aber auch nur, weil es jeweils englische Hersteller sind/waren. Optisch sitzt die Schulter am Manne gut, aber ich habe immer Probleme beim Dämpfen (Plätten) und Zusammenlegen der Pullis, eben wegen der versetzten Naht.
    LG Tine

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  10. Mona NicLeoid
    11. September 2012 am 21:48

    Einer der Gründe ist sicherlich, dass man dann oben auf der Schulter keine knubbelige Naht hat. Es sieht optisch ein bisschen einer Sattelschulter ähnlich, die ja bei Männerpullovern auch sehr beliebt ist.

    Ich denke, an der abgebildeten Schnittzeichnung sieht man auch gut, warum dieses Konzept beim Handstricken nicht so verbreitet ist, die Teile sind etwas schwieriger anzupassen und zu berechnen als normale Vorder- und Rückenteile.

    Ähnlich ist es ja mit asymmetrischen Armkugeln, die sind bei industriellen Klamotten auch gang und gäbe, gerade wenn etwas körpernah gut sitzen soll. Ich experimentiere auch gerade damit, leider findet man sehr wenig Infos dazu.

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  11. 11. September 2012 am 22:31

    Ich kann es nicht mehr genau wiedergeben, es ist eine zeitlang her, dass ich darüber gelesen habe und es hat (natürlich ,-) ) mehr mit dem Nähen als dem Stricken zu tun. Beispielsweise Rokoko- und Empirekleidung zeigt diese Art Schulter.
    Dadurch, dass der Stoff hinter der Schulterlinie nicht mehr im Fadenlauf liegt, sondern schräg, erreicht man eine größere Dehnbarkeit und damit bei sehr enger Kleidung wie damals üblich eine höhre Bewegungsfreiheit im Arm- und Schulterbereich. Es lässt sich leider nicht gut erkennen: http://www.tagtraumkleider.de/StolzVorurteil_Caroline_rot_Eliz_Besuch_rueck.jpg

    Neu ist das also eigentlich nicht, sondern ein Schneidertrick, um mehr Komfort zu erhalten.

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  12. 11. September 2012 am 22:38

    Ich habe mal den “Saint Denis Cardigan” (http://www.ravelry.com/patterns/library/saint-denis-cardigan) gestrickt, dort ist auch die Schulternaht nach hinten verlegt. Warum man das macht, weiß ich nicht, finde aber, dass es gut sitzt und auch gut zu dem Muster passt.

    Gruß,
    Ulrike

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  13. Monilisanne
    11. September 2012 am 22:55

    Ich kannte das bisher auch nur von gekauften Pullis. Mir persönlich gefällt es auch nicht so gut, aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache. Anleitungen habe ich bisher noch nicht dazu gesehen.
    Gruß Monilisanne

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  14. Waltraud Röhner
    11. September 2012 am 23:24

    Ich praktiziere diese leicht nach hinten versetze Naht schon seit den 80ern, bei allen Pullover und besonders bei Jäckchen meiner Kinder. Ich sehe den Vorteil weniger im Schulterbereich, als für den Halsauschnitt, der dadurch tiefer sitzt. Männer tragen Hemden unter ihren Pullover und die sollen auch im Rücken etwas rausgucken.
    Bei meinen kleine Kindern fertigte ich das Rückenteil völlig rechteckig und im Vorderteil nahm ich für die Schulterschrägung ab.
    Krägelchen an Jäckchen legen sich besser.

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  15. 12. September 2012 am 07:54

    Also: ich kenne tausend Leute, die es nicht fertig bringen, die Schulternaht beim Anziehen des Pullis nicht direkt auf die Schulter zu setzen, sondern ein wenig nach vorne.

    Das hat dann den Effekt, dass der Pulli oft hinten kürzer wirkt als vorne. So, als wäre das Gewicht mehr vorne.
    Und sieht aus wie bei einem kleinen Kind.
    Wisst ihr, was ich meine?

    Bei der Schulternaht hinten ist mein Gefühl sofort, dass sich dieses Problem erledigt hat, der Pulli sitzt “mehr hinten”. Ich finde das supertoll und werde diesen Pulli so schnell als möglich machen, denn es macht mich neugierig.

    Echt cool, dass Du das entdeckt hast.

    Liebe Grüsse
    Anupa

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  16. Katharina
    12. September 2012 am 07:59

    Vielen Dank Tina und euch allen! Was ist das doch für ein Luxus, so viele interessierte Fachleute zu haben, die einem gleich mit Rat und Tat zur Seite stehen können!
    Mein Plan ist, mit dieser Variante einen Männerpullover zu stricken. Damit der Pullover nicht so handgestrickt aussieht, möchte ich gerne einige Details übernehmen, die man auch an gekauften Pullovern sehen kann. Doch das geht nur richtig gut, wenn man wirklich verstanden hat, was man da eigentlich macht. Dank eurer Kommentare ist das jetzt doch etwas leichter.

    Vielen Dank und herzliche Grüße an euch alle,
    Katharina

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  17. 12. September 2012 am 08:01

    Sorry, muss natürlich heissen:

    ich kenne tausend Leute, die es nicht fertig bringen, die Schulternaht beim Anziehen des Pullis direkt auf die Schulter zu setzen, sondern ein wenig nach vorne.

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  18. gundi
    12. September 2012 am 08:57

    Meine Tochter hat mal einen Pullover nach einer deutschen Schachenmayr-Anleitung gestrickt, die so eine Schulter hatte. Leider ist das schon ein paar Jahre her, und ich weiß nicht mehr, wie die Anleitung hieß. Der Ärmel wurde ganz “normal” gestrickt, nur der höchste Punkt lag dann eben nicht an der Schulternaht.
    Gesessen hat der Pulli gut, allerdings hat sie auch recht gerade Schultern.

    gundi

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  19. 12. September 2012 am 09:10

    Ich finde es auch toll, aber die komplizierteren Zu- und Abnahmen wie in der Schnittzeichnung des Herrenpullis wirklich stricken? Ich habe es eigentlich gerne so einfach wie möglich :-) LGs, Petra

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  20. SingingSanja
    12. September 2012 am 09:35

    Ich weiß auch noch was: Etabliert haben sich diese Nähte meines Wissens nach im 18. oder 19. Jahrhundert, und zwar bei Herrenkleidung und vor allem Uniformen. Damals galten nämlich schräg abfallende Schultern als männliches Schönheitsideal (wenn man sich alte Kuferstiche und Bilder mit militärischen Motiven ansieht, fällt das sofort ins Auge), darum wurde alles vermieden, was auf der Schulter mehr als nötig auftrug, und die Naht wurde nach hinten verlagert. Wer auf Antikflomärkten nach historischen Kostümen sucht, hat damit übrigens ein ganz gutes Kriterium and der Hand: Sitzt die Schulternaht mittig, ist es definitiv modern nachgeschneidert, egal wie authentisch es aussieht.
    Belege dafür habe ich allerdings keine, das hat mir mal in London eine Schneiderin erklärt.
    Liebe Grüße,
    Sanja
    PS: Das Argument mit dem schrägen Fadenverlauf und der größeren Dehnbarkeit erschließt sich mir sofort.

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  21. Dorothea
    12. September 2012 am 11:24

    Vielleicht ließe sich diese Optik auch gut mit einem von Elizabeth Zimmermanns Pullover-Typen nachbauen. “Seamless Saddle Shoulder” oder “Seamless Hybrid”.
    Die Technik ist zwar dann nicht die gleiche, aber Passform und Aussehen könnten hinkommen.
    lg, Dorothea

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  22. mysel
    12. September 2012 am 11:53

    Ich finde die Naht so auch schöner. Grundsätzlich muss man ja wohl beim Rückenteil nur ein Dreieck, ca. 2 cm hoch, “abschneiden” und an das Vorderteil “drankleben”, was die vordere Schulter fast waagerecht abschließen lässt (wie man in der technischen Zeichung von BT auch gut sieht). Ich bin auch schon länger auf der Jagd nach dieser Schulterlinie und habe gerade das hier als “classic shoulder line” gefunden: http://www.exclusiveyarns.co.uk/page6KNIT%20to%20FINISH.htm
    Richtet sich zwar an Maschinenstricker, ist aber bestimmt auch für Handstricker verwendbar…
    Beste Grüsse
    mysel

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  23. Rosenherz
    12. September 2012 am 15:20

    Wenn ich das richtig verstanden habe bei Ysolda Teague ist diese Schulter nicht unbedingt wegen einer besseren Passform, sondern es werden zugleich die Ärmel mitgestrickt (von oben nach unten).

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  24. Sina
    12. September 2012 am 17:31

    Ich habe bei meinem Tapestry Sweater von Carol Sunday diese Schulter gestrickt und kann nur sagen, sie sitzt wirklich gut

    http://www.sundayknits.com/tapestry.html
    (runterscrollen, da gibt’s auch ein kleines Foto von hinten auf die Naht fotografiert)

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  25. Katharina S.
    13. September 2012 am 09:17

    In dem Buch “Knitting Classic Style” von Veronik Avery ist ab Seite 42 ein Cardigan für ihn
    http://www.ravelry.com/patterns/library/his-llama-cardigan

    und einer für sie
    http://www.ravelry.com/patterns/library/her-llama-cardigan

    genau in dieser Schultervariante – sicherlich ein einfaches Design das sich vielfälltig verändern lässt

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  26. 15. September 2012 am 17:20

    Eben durch Zufall gefunden – eine Männerjacke mit französischer Schulter: http://www.ravelry.com/patterns/library/east-hale-cardigan

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  27. 15. September 2012 am 18:35

    @SingingSandra:
    Nicht nur bei den Herren. Generell wars bei der Mode um 1800 herum üblich, die Schulternaht nach hinten zu ziehen. Kann jetzt nicht exakt sagen, wann das aufgehört hat. Ganz weit hinten waren die Nähte bei der Empire-Mode der Damen, Ende des 19. Jahrhunderts rutschten die Nähte dann immer weiter nach oben.
    Zu sehen z.B. hier: http://www.songsmyth.com/patterns/PeriodImpressionsBibFront.jpg
    Wie gesagt, das betrifft historische Klamotten. Beim Stricken habe ich mich damit noch nicht befasst. ;-)

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  28. 17. September 2012 am 17:57

    Ich habe diese Schulter in meinem (britischen) Buch zur Schnittkonstruktion gefunden.

    Da heißt das schlicht und ergreifend “Basic shoulder for knitwear”. Die Naht genau auf der Schulter wird hingegen “extended shoulder” genannt.

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  29. Uta953
    19. September 2012 am 17:25

    Der St. Denis-Cardigan http://www.ravelry.com/patterns/library/saint-denis-cardigan von Veronik Avery hat so eine Schulter. Strickt sich gut, trägt sich gut, sieht gut aus und macht keine komischen Knubbel ;-)

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  30. 15. April 2013 am 12:48

    Hallo
    Ich habe eine andere Erklärung für diese Schulter: Männer tragen Gewehre, Rucksack und andere Sachen auf der Schulter. Dabei würde eine normale Schulternaht drücken – also ist die Naht nach hinten verlagert. Leider weiss ich nicht mehr wo ich auf diese Erklärung gestossen bin.
    viele Grüsse
    Ingeborg

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