Schulterschrägungen

Mari, der ist für Dich 😀

Ein Oberteil sitzt in der Regel besser, wenn man es mit Schulterschrägungen arbeitet. Schließlich sind unsere Schultern in der Regel zum Arm hin leicht abfallend – es sei denn, wir benutzen Schulterpolster 😉
Strick ist zwar elastisch und passt sich bis zu einem gewissen Grad der Körperform an, trotzdem sorgen Schulterschrägungen für ein bessere Passform, insbesondere bei Schnitten mit Armkugeln:

Zieht man von der Gesamtschulterbreite (A) die gewünschte Halsausschnittbreite (B) ab und teilt das Ergebnis durch 2, erhält man die Breite einer Schulter (C).
Und bevor ein Geometrie-Schlaumeier jetzt protestiert 😉 Ich weiß daß die Diagonale länger ist als die Horizontale – aber die Schulterschrägung ist in der Zeichnung überzogen dargestellt, in der Praxis macht das keinen nennenswerten Unterschied.

Eine Schrägung erzielt man, indem man die Reihen nach und nach kürzer werden lässt – entweder durch abketten oder durch verkürzte Reihen:

Die Anzahl der Maschen, die man für eine Schulter hat, ist natürlich abhängig von der Maschenprobe.

Die Tiefe der „Stufen“ (in o.g. Beispiel 6 Maschen) bestimmt, wie steil die Schulterschrägung wird – je kürzer die Stufen, desto steiler die Treppe bzw. Schulter.

Die Anzahl der Schultermaschen geteilt durch die Maschenzahl für eine Stufe ergibt die Anzahl der Stufen.
Im Umkehrschluß: Die Anzahl der Schultermaschen geteilt durch die Anzahl der Stufen ergibt die Maschenzahl für eine Stufe. Ich mache in der Regel 3, maximal 4 Stufen, das ergibt eine ausreichende, nicht zu steile Schrägung. Bei sehr dickem Garn würde ich sogar nur 2 Stufen nehmen.

Beispiel: Ich habe 24 Maschen pro Schulter und möchte 3 Stufen haben. Dann nehme ich pro Stufe 8 Maschen.

Alle Stufen sollten gleich tief sein – geht es beim Teilen nicht auf, darf man aber auch mal eine M mehr oder weniger nehmen, das macht keinen wesentlichen Unterschied.

Beispiel: Ich habe 30 Schultermaschen und möchte 4 Stufen haben. Dann mache ich 2 Stufen mit 8 Maschen und zwei Stufen mit 7 Maschen (die tieferen Stufen mache ich zuerst, aber das ist nicht zwingend notwendig).

Faustregel: Je mehr Reihen man auf 10 cm hat und je mehr Schultermaschen zur Verfügung stehen, desto mehr Stufen sind möglich, ohne daß die Schulterschrägung zu steil wird.

Aber wie stricke ich denn nun die Stufen?
Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Stufen durch abketten
Hierfür werden immer am Reihenanfang, also in jeder 2. Reihe, die Anzahl der Maschen für eine Stufe abgekettet.
In der Anleitung steht dann so etwas wie: Beim Rückenteil für die Schulterschrägung beidseitig 2 x je 8 M und 2 x je 7 M abketten.
Das bedeutet:
Reihe 1 – 4: Am Reihenanfang 8 M abketten, Reihe zu Ende stricken.
Reihe 5 – 8: Am Reihenanfang 8 M abketten, Reihe zu Ende stricken.

(die eine Reihe Versatz in der Höhe macht übrigens gar nichts – das gleich sich auch aus, weil das Vorderteil dann genau umgekehrt ist: Beim Rückenteil fängt die linke Schulter eine Reihe später an, beim Vorderteil ist es die rechte Schulter, die eine Reihe später begonnen wird)

Hat man keinen Halsausschnitt, werden in der nächsten Reihe die verbleibenden M abgekettet.
Strickt man gleichzeitig einen Halsausschnitt, wird die Schulterschrägung wird für jede Seite getrennt gearbeitet und danach sollten alle M abgekettet sein.

Damit die Schulterschrägung einen stufenlosen Rand erhält, gibt es einen kleinen Trick (der funktioniert übrigens für alle Rundungen z.B. auch bei Armkugeln):

Die übergezogene M zählt dann als erste abgekettete M.

Statt dieser Methode kann man auch die letzten beiden M der Vorreihe zusammenstricken und kettet dann jeweils 1 M weniger ab.

2. Stufen durch verkürzte Reihen

Die -wie ich finde- elegantere Methode zum Stricken einer Schulterschrägung ist das Arbeiten mit verkürzten Reihen. Gleichzeitig hat diese Methode den Vorteil, daß man die Schultermaschen zum Schluß zusammenstricken kann – das erspart Näharbeit und sieht zudem sehr ordentlich aus.

Bleiben wir beim vorgenannten Beispiel:  Beim Rückenteil für die Schulterschrägung beidseitig 2 x je 8 M und 2 x je 7 M abketten.

Anstatt nun abzuketten, arbeite ich so:

Reihe 0 (ich fange eine Reihe eher an, nämlich mit einer Rückreihe): Stricken, bis noch 8 M auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden (ich arbeite am liebsten mit Wickelmaschen, jede andere Methode zur Löchervermeidung beim wenden geht aber auch)

Reihe 1 (Hinreihe):  Stricken, bis noch 8 M auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden

Reihe 2 + 3: Stricken, bis noch 16 M (8 + 8 ) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden

Reihe 4 + 5:  Stricken, bis noch 23 M (8 + 8 + 7) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden

Reihe 6 + 7:  Stricken, bis noch 30 M (8 + 8 + 7 + 7) auf der linken Nadel übrig sind, wickeln, wenden

Reihe 9 + 10: Reihe wieder ganz durchstricken, dabei die Wicklungen mit den umwickelten M zusammenstricken (oder den Umschlag oder die Doppelmasche abstricken, je nach gewählter Methode)

Habt Ihr einen Halsausschnitt und arbeitet beide Seiten getrennt, gelten die geraden Reihenzahlen für die eine Schulter und die ungeraden Reihenzahlen für die andere Schulter.

Nun habt Ihr eine schöne Schrägung, aber die Masche sind trotzdem noch alle auf der Nadel. Die legt Ihr still und strickt später die Schultermaschen von Rücken- und Vorderteil per 3-needle-bind-off zusammen.

Und so sieht das dann fertig aus – hier etwas steiler, da kürzere Stufen:

Hier nur ganz flach, da sind die Stufen länger (und die Reihen weniger hoch, das ist mit dünnerem Garn und Nadeln gestrickt):

27 comments for “Schulterschrägungen

  1. Sabine
    27. Februar 2013 at 07:15

    Ganz herzlichen Dank, das ist sehr hilfreich und präzise erklärt!
    VG Sabine

  2. Mari
    27. Februar 2013 at 08:41

    Daaaaaaanke, du bist ein Schatz. Ich glaub jetzt hab ichs. Das ist ja wirklich einfach, wenn man das mal vernünftig erklärt bekommt 🙂 Jetzt kanns losgehen 😉

  3. 27. Februar 2013 at 09:20

    Frau Doktor Heess: zur Mathematik-Professur kann es nicht mehr weit sein!

    Nein, im Ernst: sehr gut erklärt – jetzt dürfte es keine überstehenden Schultern in der Strickwelt mehr geben.

    Herzliche Grüsse
    Anupa Gabriele

  4. Jubi
    27. Februar 2013 at 09:50

    Hallo Tina, das mit den Schulterschrägen ist mir bekann und wird ab und zu auch praktiziert. Aber das Zusammenstricken mit der 3-needle-bind-off-Methode habe ich bisher nie richtig verstanden. JETZT ABER SCHON! Dank des tollen Videos. Danke!
    Da hab‘ ich direkt noch eine Frage: Kann ich diese Methode auch verwenden, wenn ich z. B. bei einer Strickjacke für den Gürtenl einen Tunnen stricken will? Und wenn ja, wie komme ich zu den Maschen, die ich nachher wieder verbinde (schlage ich neue Maschen an, stricke ich aus dem Querfaden welche heraus oder wie)???
    Wenn Du da ’ne Idee hättest, wäre ich Dir sehr dankbar (bzw. noch dankbarer, als ich es sowieso schon bin).
    LG
    Jubi

  5. Rosenherz
    27. Februar 2013 at 10:44

    Wie immer, bestens erklärt – jetzt nur noch ran an die Schultern!

  6. KarinErika
    27. Februar 2013 at 11:43

    Danke!

  7. Waltraud
    27. Februar 2013 at 11:56

    Ach, ist das schöön!
    Schulterschrägung und Berechnung ist mir alles bekannt. Aber das stufige Abketten ergab beim Zusammennähen jeweils an den Stufe Löcher oder unschöne Ãœbergänge.
    Verkürzte Reihen sind das Geheimnis, weil man die Naht mit dem 3-needle-bind-off sauber verschließen kann. Ich versuchte schon öfter die Maschen bei der stufigen Lösung auf den Nadenl zu lassen, um sie mit dem Maschenstich zusammenzunähen. Das Ergebnis war „löcherlich“. Neidvoll habe ich bei Ravely und auch hier auf diesem Blog die sauberen Schulternähte bewundert. Weil es bei mir nicht klappen wollte, habe ich mich ausführlich mit RVO beschäftigt. Zwei meiner vielen Töchter passen nicht wirklich in Raglanpullover.
    Deshalb tausend Dank.
    Vielleicht mal eine Idee für die Zukunft, alle diese Lehrgänge zusammenzufassen (hier in einer speziellen Rubrik, e-book, Lehrbuch oder so).

  8. 27. Februar 2013 at 13:43

    Liebe Tina, tausend Dank. Die Schulterschrägungen sind immer so ein Thema. Klasse.

  9. Monika Paulsen
    27. Februar 2013 at 15:40

    Danke, danke, danke!!!! Dieses Thema war bisher die Achillesferse bei meiner Strickerei. LG

  10. Mona NicLeoid
    27. Februar 2013 at 15:51

    Ja, so mache ich das auch meistens, da ich ziemlich stark abfallende Schultern habe. (Es hilft übrigens sehr, wenn man sich mal frontal ohne Klamotten photographiert, ich hatte dadurch einige Aha-Erlebnisse bezüglich meiner Proportionen.)

    Ich wusste nicht, dass das mit der abgehobenen und übergezogenen Masche ein „Trick“ ist, ich dachte, das sei normal ^^

  11. Mona NicLeoid
    27. Februar 2013 at 15:53

    Nachtrag: „Three-needle bind-off“ ist nichts für die ganz Paranoiden unter uns, denn wenn sich da etwas löst, ribbelt es sich gleich am Vorder- und Rückenteil auf. Ich mache es zwar auch manchmal so, vor allem bei leichtem dünnem Garn, aber sicherer ist es mit Abketten und richtier Naht.

  12. Ingrid R.
    27. Februar 2013 at 16:24

    Tausend Dank für diese tolle Erklärung.

  13. HeikeM
    27. Februar 2013 at 16:42

    Große Klasse 😎. Vielen Dank dafür und ganz liebe Grüße.

  14. Jubi
    27. Februar 2013 at 17:18

    @Mona NicLeoid: Jetzt hast Du verunsicherst Du mich aber.

  15. 27. Februar 2013 at 17:22

    Also ich mache das seit Jahren und mir ist noch nie eine Schulternaht aufgegangen.
    Ich bin aber auch nicht paranoid 😉

  16. 27. Februar 2013 at 17:35

    @Mona: Uff, so hab ich den 3-needle bind-off noch nie betrachtet. Ich dachte immer, er wäre das perfekte Pendant zur Naht, weil es „liegende“, also auf die Breite bezogen stabilisierende Maschen gibt. Anders als beim unsichtbaren Vernähen mit dem Maschenstich.

    @Tina: Danke für die wunderbare Zusammenfassung! 🙂

  17. Chaluda
    27. Februar 2013 at 18:38

    Die Schulterschräge habe ich letztens so gestrickt, allerdings hatte ich trotz Umschlag Löcher…………………*kopfkratz*,
    ich probiere mal die Doppelmasche oder die umwickelte Masche!
    wollige Grüße aus Köln

  18. Jubi
    27. Februar 2013 at 19:38

    @Tina: Vielleicht sollte ich dann zu einem „Spezialisten“ gehen, um festzustellen ob ich nun paranoid bin oder nicht.
    Aber kannst Du mir was zu meinem Tunnelproblem sagen?

    Schönen Strickabend noch wünscht
    Jubi

  19. 27. Februar 2013 at 19:41

    @ Jubi: Hab‘ ich doch schon – vorhin.
    Hast Du die Mail nicht bekommen?

  20. 27. Februar 2013 at 19:53

    Hallo Tina !

    Man lernt doch immer wieder was dazu. Ganz lieben Dank für die ausführlich beschriebene und bebilderte Anleitung.

    Lieber Gruß, die Bildersammlerin!

  21. 27. Februar 2013 at 21:05

    Tolle ausführliche Anleitung, vielen Dank

  22. 27. Februar 2013 at 21:29

    Danke das ist sehr hilfreich! LG bjmonitas

  23. 28. Februar 2013 at 16:02

    Toll, Tina!
    Das wird sofort gebookmarkt! So eine ausführliche Anleitung habe ich noch nirgends gelesen.
    Die hätten wohl auch die Strickerinnen des Lund-Pullovers vorher lesen sollen … okay, der hat ja Raglan …

    Habe mich im Blog (klick auf Website) gerade ausführlich mit dem Thema befasst … gerade DER Hype im Strickdschungel! Hm … ich habe schönere nordische Pullover. Aber die verkauf‘ ich ja auch nicht.

    Liebe Grüße
    ULL-Rike

  24. Mechtild
    28. Februar 2013 at 16:25

    Hi,
    ich kann zum 3-needle-bindoff noch etwas beitragen: Ich baue lieber einen relaxten Zwischenschritt ein, als mich mit drei Nadeln herumzuschlagen, und deshalb lade ich die Maschen der beiden Nadeln – immer eine vorne, eine hinten – auf eine Nadel, von der ich es dann mit ssk zusammenstricke und abkette. Ist zwar ein Arbeitsschritt mehr, aber dafür kann ich mich mehr auf die Fadenspannung beim Abketten konzentrieren. Hat zuletzt bei Hanne Falkenbergs Duet prima geklappt!

  25. 28. Februar 2013 at 16:30

    Oh, das ist ja eine super Idee, das werde ich beim nächsten Mal auch ausprobieren.
    Das klingt deutlich weniger fummelig!

  26. 1. März 2013 at 11:24

    Vielen, vielen Dank!
    Ich bin nicht mehr ganz Anfänger, habe aber riesengroßen Respekt vor größeren Projekten. Solche detaillierten Beschreibungen machen mir ein bischen Mut, mich auch mal ein ein Oberteil zu wagen.

  27. 3. März 2013 at 14:58

    Hallo Tina,
    ich finde Deinen Blog toll! Man findet hier wirklich tolle Hilfen.
    Und jetzt kann ich auch wieder Pullis versuchen, die keinen Raglan brauchen 🙂 um gut zu sitzen!
    Viele Grüße
    Tanja

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