Japanische Anleitungen verstehen

Japanische Strickanleitungen sind wunderschön – aber wie arbeite ich eine Anleitung nach, deren Sprache ich nicht einmal ansatzweise verstehe? 😯 Im Gegensatz zu beispielsweise finnischen oder russischen Anleitungen haben die japanischen jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie sind größtenteils visuell aufgebaut, d.h. sie beinhalten sehr wenig Text. Alle Angaben über Maße, Maschenzahlen, Zu- und Abnahmen etc. finden sich in der Schemazeichung:

 

Das kann man mit ein bisschen Strickerfahrung und unter Zuhilfenahme des Modellfotos auch ohne Hilfe verstehen. Ganz unten findet sich z.B. die Zahl 116 – klare Sache, so viele Maschen muß ich anschlagen (das Symbol rechts neben der 116 bedeutet logischerweise „Maschen“). Dann stricke ich 3 Reihen glatt links – das sehe ich am Foto und an der „3“ ganz unten rechts (das Symbol darunter bedeutet dann wohl „Reihen“). Weiter geht’s mit 18 Reihen Bundmuster, welches ich wiederum dem Foto entnehme.

Jetzt kommt das Hauptmuster: Da stricke ich nach Strickschrift Muster A, dann B, dann C usw. wie angegeben. Irgendwann muss ich dann zunehmen, schließlich sind es auf Höhe des Armausschnittes 124 Maschen Breite. Auch die Zunahmen lassen sich mit ein bisschen Nachdenken rausfinden: Ungefähr in der Mitte der Zeichnung finden wir die Angaben: 30-1-1 und 16-1-3, darunter die Symbole für Maschen, Reihen und…überleg…klar, „mal“. Also in der 30. Reihe 1 Masche (an jeder Seite) 1 x zunehmen, dann alle 16 Reihen 1 Masche insgesamt 3 x. Eigentlich ganz einfach, oder? Junghans-Anleitungen sind übrigens ganz ähnlich aufgebaut.

Alle weiteren Angaben, die ich nicht verstehe, ignoriere ich einfach, sie scheinen nicht wirklich wichtig zu sein, jedenfalls brauche ich sie nicht unbedingt, um den Pulli nachzustricken (naja, vielleicht finde ich später ja noch raus, daß sie doch wichtig sind… 😉 )

Aber wie sieht es nun mit der Strickschrift aus? Kapiere ich die auch ohne weiteren Hilfen? Gucken wir uns mal einen Auszug daraus an:

Oben finde ich die Buchstaben aus der Schmazeichnung wieder – hier Muster D und E. Und ich stelle fest, daß die Symbole genau betrachtet kleine Bildchen darstellen. Diese „Kringel“ sind verschränkte Maschen, sehen ja auch so aus. Der Zopf im rechten Teil ist auch klar. Leere Kästchen = linke Maschen, Kästchen mit einen senkrechten Strich = rechte Maschen, das ist in unseren deutschen Strickschriften auch oft so. Und die Verkreuzungen in Muster E? Wenn wir uns die genau angucken, sehen wir, daß die genauso gemalt sind, wie sie gestrickt werden. Ist also eine rechts verschränkte Masche die nach rechts über einer linken Masche (ergibt sich aus dem Muster und ist am kleinen Punkt zu erkennen, ohne Punkt wär’s eine rechte Masche) verkreuzt wird. Und sind zwei rechts verschränkte Maschen, die miteinander verkreuzt werden, wobei die erste Masche vorne liegt und somit nach links kippt. Simpel, oder?

Und so sieht es dann aus (die Farbe ist einigermaßen realistisch, im Original nur noch ein bisschen dunkler):

Hier nochmal in Nahaufnahme:

Fazit: Japanische Anleitungen sind mit etwas Strickerfahrung gar nicht schwer nachzustricken, man muß sich einfach nur rantrauen. Ich habe weder Ãœbersetzungshilfen noch Symbolerklärungen oder ähnliches in Anspruch nehmen müssen, alles erklärt sich von selbst.

Und wer doch noch Hilfen braucht oder mehr wissen möchte: Der Needle Arts Book Shop hat zu diesem Thema viele Informationen und Links zusammengestellt, guckt ihr hier.

9 comments for “Japanische Anleitungen verstehen

  1. 9. Dezember 2007 at 18:46

    Hi Tina, erst einmal vielen Dank für Deine anschauliche Zusammenfassung. Wir haben mal wieder eine leichte Themenüberschneidung 😉 Aus diesem Grund hoffe ich, daß es Dir nichts ausmacht, wenn ich frech zu Deinem Beitrag verlinkt und mir irgendwelche Links zu Ãœbersetzungshilfen bei japanischen Mustern gespart habe 🙂 Du hast quasi schon die ganze Arbeit erledigt – danke schön. LG Arlene

  2. 9. Dezember 2007 at 22:17

    Hallo Tina …
    boah – das Angestrickte sieht genial aus – in der Farbe gefällt mir das Muster noch besser. Und wie du das anschaulich darstellst … klasse – da traut sich dann so mancher viel eher an soetwas. Die Musterbücher bei Arlene haben mich schon sabbern lassen :mrgreen: .

    Liebe Grüsse;
    Anja

  3. 10. Dezember 2007 at 09:43

    Wahnsinn! Für mich wäre das alles viel zu schwer.
    Der Anfang des Pullis sieht toll aus.

    Lieben Gruß, Anna

  4. 12. Dezember 2007 at 17:25

    Hallo Tina,

    danke für den tollen Artikel. Du hast das super erklärt 😀

    Liebe Grüße,
    Sanne 😎

  5. 11. Februar 2008 at 03:16

    Hallo Tina,

    hier noch ne Lösung. Man geht mal japanisch essen und nimmt das Heft mit. Dann holt man es so ganz nebenbei raus und legt es auf den Tisch. Da wird doch bestimmt eine Bedieung neugierig und hilft. Grins. So haben wir es mal beim Inder gemacht. Indisches Kochbuch aufn Tisch und der Chef kam gleich. Er verriet und das Geheimnis der indischen Soßen und seitdem wird auch diese so gekocht.

    Gruß

    Christine

  6. 11. Februar 2008 at 18:57

    Hihi, die Idee ist klasse :mrgreen:

  7. 18. Februar 2009 at 14:09

    Die ersten drei Reihen sollen in „reverse stockinette“ gestrickt werden, also 1 links, 1 rechts, 1 links. Sonst aber schon sehr gewieft decodiert, das Muster – Reschpeckt!

  8. 18. Februar 2009 at 14:16

    Sehe gerade: „reverse stockinette“ ist ja glatt links – war also eh schon richtig. Mit deutschen Strickbegriffen kann ich nicht soviel anfangen. 🙄
    Falls mal Fragen sein sollten, kann ich aber gern das eine oder andere übersetzen; macht Spaß, ich wusste gar nicht, daß das Schriftzeichen für Auge auch Masche bedeutet. 💡

  9. irene
    25. August 2014 at 08:47

    Liebe Tina!
    Vielen Dank für deine Offenheit auch andere Strickanleitungen, als deutsch oder englisch (japanisch, finnisch,..) zu verwenden. Hab mir jetzt auch 2 japanische Strickhefte bestellt. Und habe festgestellt, das sie viel einfacher zu verstehen sind als man sich vorstellt.
    Ich glaube auch zu verstehenwas die Angabe bei ab- oder zunehmen zu verstehen. z.B. 4-2-2 2-1-2 Die erste Zahl steht für die Reihe jede 4. oder 2. Reihe. Die 2. Zahl steht für die Maschenanzahl und die letzte Zahl für die Häufigkeit.

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